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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE MADRIDER KONFERENZ VON 1880

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wecken, Haß und Rachsucht, Roheit und Grausamkeit, er würde Milliardenverschlingen, Hekatomben von Menschenleben fordern, Europa für Jahr-zehnte, vielleicht für Jahrhunderte zugrunde richten. Der Gute, der denWeltkrieg nicht mehr erleben sollte, hat nur zu richtig gesehen. Er war mitRecht überzeugt, daß ich ehrlich bemüht wäre, den Frieden zu erhalten.Noch mehr aus diesem Grunde als aus persönlicher Anhänglichkeit an michHeß er mir von Zeit zu Zeit nützliche Winke zukommen. Ich hatte ihm meinEhrenwort geben müssen, daß ich ihn nie als Quelle nennen, auch seineBriefe nach Kenntnisnahme sofort vernichten würde, denn er wünschtenicht das Schicksal des Hauptmanns Dreyfus zu teilen.

Dieser Mann, der nur von den reinsten Absichten geleitet war und einideales Ziel verfolgte, schrieb mir fast in demselben Augenblick, als derKaiser 1905 seine zweite Mittelmeerreise antrat: Delcasse wäre entschlossen,es auf den Krieg ankommen zu lassen, überzeugt, daß König Eduard ihnnicht im Stich lassen und daß es möglich sein würde, zwischen Rußland und Japan rasch den Frieden wiederherzustellen. König Eduard und dievon ihm beeinflußten englischen Minister und Staatsmänner wollten nichtsofort in den Krieg mit Deutschland eintreten, würden aber eine völligeNiederwerfung Frankreichs nicht zulassen und jedenfalls, sobald der Kampfbegonnen hätte, an Deutschland die kategorische Forderung richten,seinen Flottenbau einzustellen. Ich war von Anfang an gewillt, mich in dermarokkanischen Frage auf dem Boden der Verträge zu halten. Ich wußtesehr wohl, daß es töricht wäre, sich in Lebensfragen, wo es um Ehre undSicherheit des Landes geht, nur auf Verträge zu verlassen. Die einzigewirkliche und dauernde Sicherheit Hegt für ein großes Volk in der eigenenKraft, in seiner Macht und vor aHem in der nationalen Gesinnung und demPatriotismus seiner Bürger. Aber selbst vom Standpunkt der RealpoHtikist es in hohem Grade wünschenswert, weil nützlich, sich auf den Boden derVerträge zu steUen, das Vertragsrecht für sich zu haben und damit dieSympathien der rechtHch und ethisch Denkenden. Es war daher eineUnglücksstunde für das Deutsche Reich, als der Kanzler Bethmann HoH-weg in seiner (leider) nicht vergessenen Unterredung mit dem engHschenBotschafter Goschen Verträge als Papierfetzen, alschiffon de papier",alsscrape of paper" bezeichnete. Wir konnten uns 1905 für unser Vorgehenauf das Ergebnis der 1880 zu Madrid abgehaltenen Marokko -Konferenzberufen, auf der die am Handel mit Marokko beteüigten Staaten (Deutsch-land, Frankreich, England, Österreich-Ungarn, ItaHen, Spanien , dieVereinigten Staaten und Holland ) übereingekommen waren, daß vomScherifischen Kaiserreich den Untertanen irgendeines fremden StaatesVorzugsrechte nicht gewährt werden dürften. WoUte also Frankreich daswirtschafthche oder poHtische Ubergewicht in Marokko an sich reißen, so