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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MONTS UND HARRERE

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verstehe. Andere deutsche Diplomaten sähen in Österreich den Sitz wahrerVornehmheit und würdiger Tradition. Noch anderen imponiere das rus-sische Reich, der russische Zar, das russische Leben von den Bärenjagdenbis zu den Bällen im Winterpalais. Für noch andere wäre Paris das einzigeKlima, das sie vertrügen. In die letztere Kategorie gehörte Monts. Er rühmtesich, von einem Dynasten des Languedoc abzustammen. Leute, die in derGenealogie besser Bescheid wußten als ich, behaupteten dagegen, derGroßvater Monts habe zu den französischen Finanzkommis gehört, dieFriedrich der Große in den letzten Jahren seiner Regierung aus Frankreich bezog, um in Preußen die indirekten Steuern mit französischer Härte undHabsucht einzuführen. Wie dem auch sein möge, Monts führte gern denangeblichen Wahlspruch seines GeschlechtsFortis ut mons" im Mundeund trug auf seinen Manschettenknöpfen drei kleine Berggipfel, mit denen,wie er zu verstehen gab, auf ihrem Schilde seine Ahnen in Toulouse beiritterlichen Turnieren in die Schranken geritten wären. Als er Botschafterzu werden wünschte, äußerte er mir gegenüber:Ich möchte mich nichtselbst rühmen, aber ich glaube, daß ich für die große Diplomatie zweiEigenschaften mitbringe, un nom ronflant et un devouement absolu fürSie." Monts war in Rom bald unter den Einfluß seines ihm an diplomatischerRoutine, in der Menschenbehandlung, vor allem an Geschicklichkeit sehrüberlegenen französischen Kollegen Barrere geraten. Barrere war einintimer persönlicher Freund von Delcasse . Er setzte alles in Bewegung, umseinen Chef zu halten. In derselben Richtung arbeitete Luigi Luzzatti , einnamhafter Volkswirt, ein guter Schatzminister, ein Idealist, aber durch unddurch französisch gesinnt. Barrere und Luzzatti veranlaßten Monts, imHöhepunkt der Delcasse-Krisis einen Bericht an mich zu richten, der alsRettungsgürtel für Delcasse dienen sollte und in dem es hieß: Luzzatti habeihn, Monts, aufgesucht und ihm in bewegten Worten die Sorgen geschildert,die Barrere um seinen Chef und Freund Delcasse empfinde. Als Luzzattiauf die prononciert antideutsche Politik des französischen Ministers desÄußern hingewiesen hätte, habe Barrere diese Politik mit dem Hinweis dar-auf verteidigt, daß die Republik die Traditionen Gambettas, der im Herzenunwandelbar die Hoffnung auf eine Wiederangbederung von Elsaß-Loth-ringen genährt hätte, wenigstens im Prinzip nicht aufgeben könne und daßdas französische Volk zu einer Versöhnung mit uns noch nicht reif wäre.Diesen Ausführungen sei von ihm, Luzzatti, entgegengesetzt worden, daßmit der Revanche es sich wie mit dem Blute des heiligen Januarius inNeapel verhielte. Nur wenn die Drahtzieher in Paris es wünschten, beßensie die elsässische Wunde bluten. Tatsächlich aber wolle die große Masse derfranzösischen Nation den Frieden. Das empfinde jetzt Delcasse. Man glaubein Paris zu wissen, daß Monts persönlich jedes Chauvinismus bar sei und zu

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