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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ENGLISCHER ÄRGER ÜBER DELCASSfiS STURZ

punkt festgelegt, daß Änderungen in Marokko nur mit Zustimmung derSignatarmächte der Madrider Konferenz erfolgen dürften, um uns eventuellnicht zwischen zwei Stühle zu setzen. Daher konnte Fürst Bülow nichtweiter auf die französischen Verständigungswünsche eingehen, die niemalsvon positiven Vorschlägen begleitet gewesen waren." In ihrer Beurteilungdes ganzen Streits um Marokko ging unsere öffentliche Meinung deshalb sooft in die Irre, weil sie die Unterströmungen in Frankreich und die Leiden-schaftlichkeit und Intensität des französischen Patriotismus nicht richtigeinschätzte. Sehr friedlich, sehr gutmütig, etwas naiv, bei allen seinensonstigen großen und herrlichen Eigenschaften politisch wenig begabt, be-urteilte und beurteilt der Deutsche den Franzosen zu sehr nach sich selbstund unterschätzt den brennenden französischen Ehrgeiz, die grenzenlosefranzösische Eitelkeit, die französische Härte und Grausamkeit, aber auchdie französische Spannkraft und Elastizität, den bewunderungswürdigenPatriotismus aller Franzosen. Deshalb wies ich schon vor dem Weltkrieg*auf die nie übertroffene Schilderung des französischen Charakters durchAlexis de Tocqueville hin, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in seinemmeisterhaften WerkL'ancien regime et la revolution" schrieb:Quandje considere cette nation, je la trouve plus extraordinaire qu'aucun desevenements de son histoire, faisant toujours plus mal ou mieux qu'on nes'y attendait. La plus brillante et la plus dangereuse des nations de l'Europeet la mieux faite pour y devenir tour ä tour un objet d'admiration, de haine,de pitie, de terreur, mais jamais d'indifference."

Je mehr von engbscher Seite Neid und Haß bemüht gewesen waren,Antideutsche Delcasse zu stützen, die englische Presse laut und dreist, König EduardStimmung in (jj e unter seinem Einfluß stehenden Minister des Tory-Kabinetts mehrEngland j m gt j|] en? um so g ro ßer war an der Themse der Ärger über den Sturz diesesStaatsmannes, der durch den Lauf der Ereignisse wie in seinem tiefen undhitzigen Haß gegen Deutschland die Revanche-Idee verkörperte. Am25. Juli 1905 schrieb mir unser Botschafter Paul Metternich aus London: Ihre Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin vonGriechenland und die Prinzessin Friedrich Karl von Hessen, welche mitihren Kindern in Seaford, einem kleinen englischen Badeort, weilen undseit etwa acht Tagen im Buckingham Palace zum Besuch sind, hatten sichheute zum Lunch bei mir angesagt. Die Kronprinzessin sagte mir, sie seiganz erschrocken und traurig über die antideutsche Stimmung, die hier beiHofe herrsche. Sie sei ahnungslos in dieses erbitterte Milieu hineingeraten.Es wäre dies sehr traurig, da England und Deutschland eigentlich dazuberufen wären, zusammenzugehen. König Eduard wünsche, trotz seiner

* Fürst von Bülow, Deutsche Politik, Volksausgabe, S. 81 f.