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augenblicklichen Verstimmung, im Grunde seines Herzens gute Beziehun-gen zu uns. Viel habe wohl bei der Verstimmung die Eifersucht des Königsauf die größere Begabung seines kaiserlichen Neffen zu tun. Auch Marokko spiele dabei mit. Eine Zusammenkunft zwischen unserem AllergnädigstenHerrn und König Eduard würde gewiß viel dazu beitragen, um die persön-liche Verstimmung auf beiden Seiten zu heben. König Eduard gehöre deralten Schule an, sei von Natur gut und wohlwollend und leicht zu gewinnenavec de petits egards. Die Kronprinzessin von Griechenland , die, wie Siewissen, eine aufrichtige Bewunderung für ihren kaiserlichen Bruder, zu-gleich aber auch viele englische Sympathien hat, bedauert die hiesige Ge-reiztheit und gab mir darin recht, daß dafür gar kein Grund vorliege, dawir den Engländern nichts Unfreundliches getan hätten. Auch die Prin-zessin Friedrich Karl von Hessen bestätigte mir das Vorhandensein eineran das Unvernünftige grenzenden antideutschen Stimmung. Ich weißnicht, wie Graf Seckendorff sich Ihnen gegenüber ausspricht. Da seineÄußerungen nicht frei von persönlichen Beweggründen sind, so lege ichihnen kein allzu großes Gewicht bei. Hier suchte er beschwichtigend zuwirken, aber ohne sonderlichen Erfolg. Er erzählte hier, daß wir unsereFlotte bauten, damit wir ein wertvoller Bundesgenosse für England werden. Die Engländer mokierten sich natürlich über dergleichen Versucheim jetzigen Moment. Es hat, wie ich aus guter Quelle weiß, König Eduard ganz besonders verstimmt, daß man in Deutschland geglaubt und ver-breitet hätte, England wolle die Franzosen nur in die Marokko -Affärehineinjagen, um sie mit uns zu verhetzen und sie dann sitzenzulassen. Michsucht man hier bei Hofe, besonders von gelegentlich durchreisenden Lands-leuten, auch anzuschwärzen und einer stark antienglischen Politik zu be-schuldigen. Diese Bemühungen haben bisher aber hier keinen Erfolg ge-habt, besonders nicht bei König Eduard . Ich vermute, daß dieselben Ge-legenheitsbesucher mich in Berlin oder Norderney einer anglophilenHaltung verdächtigen."
Die Verstimmung des Königs Eduard über die deutsche Presse warin diesem Fall nicht ganz unbegründet. Plumpe Insinuationen mancherdeutscher Blätter über das „perfide Albion", das die „armen" Franzosenin den Marokko -Sumpf gelockt habe, um sie dann kaltblütig ihrem Schick-sal zu überlassen, ärgerten nicht nur den englischen König, sondern auchweite Kreise des englischen Volks. Die Absicht solcher Insinuationen lagzu klar zutage, als daß sie nicht Verstimmung hätte hervorrufen sollen.Der frühere Oberhofmeister der Kaiserin, Friedrich Graf Götz Seckendorff,war nicht der einzige Hofmann, der sich für die Londoner Botschaft be-sonders geeignet hielt. Von dem gleichen Wahn waren auch andere Höf-linge, wie der Hofmarschall Reischach und der Zeremonienmeister Eugen