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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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NICKY UND WILLY

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maier Knackfuß angefertigten Bildern, die er dem Zaren zu Weihnachtenund zu seinem Geburtstag als eigene Erzeugnisse verehrt hatte. Daserste dieser Bilder war nach der Besitzergreifung von Kiautschou ent-standen und zeigte Wilhelm II. in sinnbildlicher Verherrlichung als Erz-engel mit feurigem Schwert, der die Großmächte zum Kampf gegen denunheiligen Buddha auffordert. Ich habe bei Besprechung unserer wirtschaft-lichen wie politisch wichtigen Beziehungen zu Japan erwähnt, wie sehruns diese geschmacklose Allegorie bei Millionen Buddhisten geschadet undunser Verhältnis zu Japan erschwert hat. Dem russischen Kaiser hat sievielleicht zugesagt. Das zweite Bild, wo der heilige Michael mit dem eisernenKreuz auf der Brust und vielen Beichsadlern auf seinem Harnisch die gegenden Tempel der Ordnung und des Friedens anstürmenden Dämonen derHölle abwehrt, konnte revolutionären Geistern mißfallen, aber kaum demRussenkaiser. Ganz übel aber war das dritte Bild, auf dem Kaiser Wilhelm in prächtiger Haltung und schimmernder Rüstung, in der hocherhobenenRechten ein riesiges Kruzifix, vor dem Zaren steht, der in demütiger,beinahe lächerlicher Positur und in einem byzantinischen Gewände, dasmehr einem Schlafrock gleicht, bewundernd zu dem Deutschen Kaiseraufschaut. Im Hintergrunde kreuzen deutsche und russische Panzer-schiffe.

Wenn also die Gefühle des Kaisers Nikolaus für Kaiser Wilhelm geteiltwaren, so empfand der Zar für seinen Schwager, den Bruder des Deutschen NachrichtenKaisers, den Prinzen Heinrich von Preußen , nur Freundschaft und Ver- des Prinzentrauen. Das hatte mich im April 1905 veranlaßt, den Prinzen zu bitten,den Zaren persönlich aufzusuchen, um sich de visu et auditu über dessenStimmung zu informieren und ihm Mut und Ausdauer einzuflößen. DerPrinz war immer bereit, sich seinem Bruder, dem Kaiser, und dem Landenützlich zu machen. Er schrieb mir, daß auch seine Privatnachrichten ausPetersburg beunruhigend lauteten. Man fürchte am Hofe besonders dieRachsucht von Witte, der mit der Kaiserin -Mutter gut stehe, um soschlechter mit der regierenden Kaiserin, die ihm zutraue, daß er unterUmständen kein Mittel, auch das schlimmste nicht, scheuen würde, um seineZwecke zu verwirklichen. Weiter hieß es in diesem Brief:Mit unseremKaiser hatte ich auf der Fahrt von Bremen nach Cuxhaven , wie immer imKreise einer größeren Zuhörerschaft, ein leider wenig sachliches Gesprächüber den Zaren, währenddessen ich in die Rolle gedrängt wurde, die Persondes Zaren vor Anklagen und Ausdrücken schärfster Art zu schützen. ImVerlauf dieses Gesprächs betonte S. M. die Notwendigkeit, daß der Zar zuseinen Truppen nach der Front müsse. Daß das Haus Romanow um seineKrone und somit um seine Existenz kämpft, unterhege wohl keinemZweifel... Die Rolle, die Sie mir zugedacht haben, wird sich am besten

Heinrich