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DER KAISER WILL DIE KRONE NIEDERLEGEN
dadurch einleiten lassen, daß ich meine Frau nach Zarskoje Selo begleite,woselbst sie ihre Schwester Elisabeth trifft, um gemeinsam mit dieser nachMoskau zu reisen und dort einige Wochen zu verbleiben. Ich selbst dachtemeinen Aufenthalt auf zwei bis drei Tage in Zarskoje zu beschränken.Aufrichtig danke ich für das mir in letzter Zeit wieder mehrfach erwieseneVertrauen, dessen ich mich würdig zu erweisen versuchen will. Ihr Chiffreur,der mir Ihren Brief überbrachte, soll Ihnen diese Zeilen übergeben mit einemsehr herzlichen Gruß von Ihrem allzeit dankbaren und ebenso treuen wieaufrichtig ergebenen Heinrich, Prinz von Preußen." Nach mehrtägigemAufenthalt in Zarskoje Selo drahtete mir Prinz Heinrich: „Kaiser vor-läufig entschlossen, Krieg fortzusetzen, ungeachtet starker Friedens-agitation. Er setzt seine ganze Hoffnung auf Roschdestwensky, welcherbinnen kurzem im Sunda-Archipel ankommen soll, Kaiser in ruhiger,normaler Stimmung." Trotz ernster Bedenken von meiner Seite bestandWilhelm II. darauf, daß die unter Admiral Roschdestwensky gegendie Japaner entsandte russische Flotte durch deutsche Kohlenlieferungenunterstützt würde, wobei auch der Wunsch mitsprach, der von SeinerMajestät so sehr geliebten Hapag, der Hamburg -Amerikanischen Paket-fahrt-Aktiengesellschaft, ein von Albert Ballin lebhaft befürwortetes, fürunsere größte Dampfschiffsgesellschaft in der Tat vorteilhaftes Geschäftzuzuwenden. Der Drang Seiner Majestät, der russischen Flotte einen ver-nichtenden Schlag gegen die verhaßten Japaner zu ermöglichen, war soungestüm, daß er mir, als ich im Hinblick auf Japan wie auf England Vor-sicht anempfahl, mit gewohnter hitziger Übertreibung seiner Rednereisagte und mir sogar schrieb: Er persönlich könne es weder mit seiner brüder-lichen Freundschaft für den Zaren noch mit seiner Christenpflicht verein-baren, die russische Flotte in ihrem Kampf für das Kreuz im Stiche zulassen. Da ich aber bei der schwierigen internationalen Gesamtlage für dieLeitung unserer auswärtigen Politik unentbehrlicher wäre als er selbst, sowürde er, wenn ich auf meinem Widerspruch gegen die deutschen Kohlen-lieferungen an die russische Flotte beharre, die Krone niederlegen undseinen Sohn auffordern, mit meiner Unterstützung in der mir richtig er-scheinenden Weise weiterzuregieren. Natürlich habe ich diese Boutadeebensowenig ernst genommen wie• zahlreiche gleich exzentrische Margi-nalien.
Als der Zar nach dem Zwischenfall bei der Doggerbank, der ihn wenig-Deutsch - stens vorübergehend aus seiner gewohnten indolenten Apathie aufgerütteltrussisches hatte, in einem Augenblick besonderer Mutlosigkeit, verbunden mit Gereizt-^l""^' ^eit 8 e 8 en perfiden Engländer, dem Kaiser eine Allianz vorgeschlagenscheitert natte > setzte ich seinen Wünschen entsprechend einen Vertragsentwurfin drei Artikeln auf, der trotz des bestehenden russisch- französischen