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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BJÖRKÜ

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deutlichen Befehls auch durchsetzen würde. Ich legte dem Kaiser, nament-lich in der letzten Unterredung, die ich vor seiner am 10. Juli 1905 inSwmemünde erfolgten Abreise mit ihm hatte, besonders ans Herz, keine un-vorsichtige Verabredung über Dänemark und die Ostsee zu treffen, da unsdies nach meiner Beurteilung der Gesamtlage jetzt einem englischen An-griff oder wenigstens einer Demütigung durch England aussetzen könne.Ich ließ Seiner Majestät keinen Zweifel darüber, daß es meines Erachtensam ratsamsten wäre, wenn er vom Zaren nur die bereits erwähnte Zusageerwirken würde, daß er Lambsdorff den Abschluß eines deutsch -russischenDefensiv- und Friedensabkommens, qui serait une infraction ni auxstipulations austro-allemandes ni au traite russo-francais, mais qui garan-tirait et assurerait le repos et la paix du monde, deutlich anempfehle,alles Weitere aber den Besprechungen zwischen Lambsdorff und mir über-ließe. Zu diesem Zwecke könnten wir beide uns entweder in Baden-Baden treffen, oder Lambsdorff möge bei seiner üblichen Herbstreise nach Paris auf ein paar Tage nach Berlin kommen, oder ich würde nach St. Petersburg gehen, wo ich Beziehungen besäße und das Terrain kenne. Ein leichterSchatten flog über das aufgeweckte, bewegliche Gesicht Seiner Majestätund zeigte mir, daß der hohe Herr gerade diesmal im Vertrauen auf diebezwingende Macht seiner Persönlichkeit alles allein besorgen und machenwolle. Als ich frug, ob ich mitfahren solle, erwiderte mir der Kaiser mitgrößter Liebenswürdigkeit, meine Gesellschaft wäre ihm an und für sichimmer und überall im höchsten Grade angenehm und erwünscht, aber dies-mal glaube und fühle er, daß er mehr erreichen würde, wenn er allein,Aug' in Auge, dem Selbstherrscher aller Reußen gegenüberstünde. Nur dertreue" Tschirschky solle ihn begleiten.

Am 22. Juli erhielt ich ein Telegramm des Kaisers, in dem er mirerfreut mitteilte, daß der Zar ihn aufgefordert habe, in B j ö r k ö, einer kleinen Der VerlragInsel in den finnischen Schären, mit ihm zusammenzutreffen. Am folgenden 'perfekt"Tage erreichte mich in Norderney , wo ich mich aufhielt, ein noch freudigeresTelegramm Seiner Majestät, um mir zu sagen, der Zar sei tief bewegt undhoch beglückt durch das Wiedersehen. Er sei auf alle Wünsche des Deut-schen Kaisers eingegangen, der deutsch-russische Vertrag sei perfekt. Ichhabe manches exzentrische Telegramm vom Kaiser erhalten, aber nie eineso enthusiastische Kundgebung wie aus Björkö. Mit überschwenglicherBegeisterung schilderte mir Wilhelm II. den Augenblick der Unterzeich-nung. Als er die Feder aus der Hand gelegt hätte, mit der er diesen welt-historischen Akt unterschrieben habe, sei ein Sonnenstrahl durch dasFenster der Kabine auf den Tisch gefallen, wo die Unterschrift vollzogenworden war. Er habe nach oben geblickt. Da wäre ihm gewesen, als obim Himmel sein Großvater Wilhelm I. und Kaiser Nikolaus I. sich tief