DIE ENGLÄNDER WERDEN GEREIZT
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für den Fall eines russischen Angriffs auf Indien zu erlangen. Nach der An-sicht der Engländer ist Indien außer Kanada die einzige verwundbare Stelledes britischen Weltreichs. Die Besorgnis, daß im Falle eines englischenAngriffs auf Deutschland Indien durch die Russen bedroht wäre, würde dieEngländer uns gegenüber vorsichtiger machen. Nachdem durch den Zusatz,en Europe' diese Gefahr ausgeschaltet erscheint, ist zu befürchten, daßein solcher Vertrag die Engländer nur reizen wird. A strong bullet stops aman; a small bullet excites a man. Der Vertrag in seiner ursprünglichenForm war a strong bullet; mit dem Zusatz ,en Europe' ist der Vertrag,wie ich fürchte und glaube, a small bullet. Eure Majestät meinen in Aller-höchst Ihren Marginalien zu meinem ehrfurchtsvollen Telegramm vom28. v. M., daß die Russen auch ohne Vertrag mit uns Indien angreifenkönnten, wir könnten ihnen im Falle eines Krieges mit England zu einemVorgehen gegen Indien raten. Hier gilt aber das Wort: ,Was man schwarzauf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.' Wenn die Russenvon einem Vorgehen auf Indien nicht ausdrücklich befreit worden wären,würden sie im Falle eines Krieges mit England an der indischen Grenzemindestens militärische Demonstrationen vorgenommen haben, welcheeinen Teil der englischen Streitkräfte von Europa weg- und nach Asien ab-gezogen hätten. Freiwillig werden sie das schwerlich tun. Es liegt jetztsogar die Möglichkeit vor, daß Rußland früher oder später mit England ein Abkommen trifft, das einen Krieg an der indischen Grenze ausschließt,die Wucht des Krieges also auf Europa beschränkt und eine Situation her-vorruft, in der uns Rußland gegenüber England geradezu gar keine Heeres-folge leistet. Die Stimmung des Zaren kann sich ändern. E mobile. Diehohen Damen am russischen Hofe neigen, soweit sie Einfluß haben, mehrzu England als zu Deutschland. Ob im Falle eines Krieges mit England einRat Ew. Majestät den Zaren bewegen würde, freiwillig gegen Indien vor-zugehen, ist meines untertänigsten Erachtens sehr zweifelhaft. Seit zehnJahren haben wir oft erlebt, daß eine persönliche Einwirkung Ew. Majestätauf den Zaren möglich war, schriftliche Vorstellungen aber wenig Erfolghatten. In einem derartigen Falle würde selbst ein persönlicher Druck weitschwieriger sein, weil der Zar nicht wie diesmal in Bj örkö in der schwächerenund hilfsbedürftigeren, sondern bei einem auf Europa beschränkten Kon-flikt zwischen England, Deutschland und Rußland in der günstigeren undstärkeren Lage wäre als wir. Die Hauptsache aber bleibt immer, daß durchdie Beschränkung ,en Europe' die englische Kriegslust uns gegenüber,welche die Gefahr des AugenbHcks und nach menschlicher Berechnungder nächsten Zukunft bildet, nicht abgeschwächt, sondern erhöht wird.
Das Mißtrauen der Engländer gegen uns ist durch das Gerücht, daßwir die Neutralisierung der Ostsee anstrebten, neu genährt worden. Die