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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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SOCIETAS LEONINA

Engländer, welche wohl wissen, daß insbesondere Dänemark sich freiwillignie Tendenzen anschließen wird, die es mit England in Konflikt bringenkönnten, würden, wenn solche auf den Ausschluß der englischen Flotte ausder Ostsee gerichtete Absichten greifbare Gestalt annähmen, gegen uns vor-gehen. Die Kriegsgefahr ist näher, als sie seit Jahren war. Ich habe michgefragt, ob Ew. Majestät bei Einfügung des Zusatzes ,en Europe ' vielleichtnur den Fall im Auge gehabt haben, daß England Rußland angreift undwir beizuspringen haben. In diesem Fall sind für Angriff und Küsten-verteidigung in Europa erforderlich die deutsche Flotte, das bißchenrussische Flotte und geringe Teile der deutschen und der russischen Armee.Es blieben also noch disponibel fast die gesamte deutsche und russischeArmee, welche an die einzige sonst noch in Betracht kommende Kriegsstelle,die indische Grenze, sich zu werfen hätten. Der Fall, daß England Rußlandangreift, ist aber sehr viel unwahrscheinlicher, als daß England uns an-greift. Das hat sich schon 1885, vor zwanzig Jahren, bei dem afghanischenKonflikt, das hat sich vor einem Jahr bei der Beschlagnahme englischerHandelsschiffe durch russische Kreuzer und anläßlich des Zwischenfalls beider Doggerbank wiederum gezeigt. Das geht aus der ganzen Tendenz dergegenwärtigen englischen Politik wie aus den persönlichen DispositionenSr. Majestät des Königs Eduard hervor. Und wenn es zu einem solchenenglischen Angriff gegen Rußland käme, würde immer noch ein Vorgehender englischen Flotte gegen die russischen europäischen Küsten wahr-scheinlicher sein als ein englischer Vormarsch in Asien . Auch liegt es auf derHand, daß die Erfüllung der Verpflichtung, Truppen nach Asien zu senden,in aller Loyalität wohl jederzeit von uns wird abgelehnt werden können imHinblick auf die Notwendigkeit, Frankreich gegenüber unsere militäri-schen Kräfte zusammenzuhalten. So weit meine Voraussicht reicht, wird derVertrag in seiner jetzigen Fassung mit dem Zusatz ,en Europe', wenn erbekannt wird, in England mit einem großen Gefühl der Erleichterung auf-genommen werden. Dem deutschen Volk aber wird dieser Vertrag als eineSocietas leonin a erscheinen, wo wir unendlich viel mehr geben und riskierenals der andere Teil. Was Frankreich angeht, so sind wir durch den Vertragmit oder ohne ,en Europe' gesichert an unserer Ostgrenze für die Fälle, daßuns Frankreich angreift oder neutral bleibt. Der erstere Fall ist wenig wahr-scheinlich. Der letztere wäre das Ungünstigste, was uns passieren könnte,denn Frankreich würde nur so. lange neutral bleiben, bis wir durch England so weit geschwächt wären, daß es uns gegenüber freiere Hand hätte. DerFall, daß wir Frankreich angreifen, ist durch den Vertrag nicht gedeckt,wohl aber durch den russisch-französischen Zweibundsvertrag. Der deutsch-russische Vertrag in seiner ursprünglichen Fassung ohne den Zusatz ,enEurope' würde bei einem Zusammenstoß mit England die Chancen so