ABSPRINGEN
143
verteilt haben, daß ein Zusammengehen Frankreichs mit Deutschland undRußland auch im Falle eines englischen Angriffs auf Deutschland nichtausgeschlossen erschien. Durch die ausdrückliche Eximierung von Asien werden die Chancen eines Krieges zwischen den beiden Kaiserreichen undEngland für uns so wenig günstig, daß Frankreich sich uns nicht an-schließen wird. Es wird dadurch aber auch die Möglichkeit einer russisch-englisch-französischen Verständigung über Asien gefördert. Dieser Zusatznimmt uns einen Haupttrumpf aus der Hand, während Rußland seineStiche behält und England das As der Gegner nicht mehr zu fürchten hat.
Ich bin meinem Kaiserlichen Herrn schuldig, offen zu sagen, daß ich nachruhiger und rein sachlicher Prüfung vor Gott und meinem Gewissen denZusatz ,en Europe' für schädlich und gefährlich halten muß. Auf deranderen Seite sehe ich wohl ein, daß Ew. Majestät bei Sr. Majestät demKaiser Nikolaus eine Modifikation des soeben von Ew. Majestät vor-geschlagenen und unterschriebenen Vertrags nicht wohl anregen können.Se. Majestät der Kaiser Nikolaus wird schwerlich auf einen Zusatz ver-zichten wollen, der für Rußland eine Erleichterung und Bequemlichkeitbedeutet. Alvensleben, der nicht im Geheimnis ist, meldet, daß Lambsdorff,der im Winter nicht an den Vortrag heranwollte, jetzt nach Björkö inungewöhnlich guter Laune war. Werden die Russen den ihnen in den Schoßgefallenen Vorteil preisgeben ? Wird es möglich sein, ihnen die nachträglicheEhminierung der Worte ,en Europe' mundgerecht zu machen? Der Zarwird auch schwerlich für einen Zusatz oder eine Interpretation zu demVertrag zu gewinnen sein, dem zufolge Rußland sich verpflichtet, auch imFalle eines Angriffs auf Deutschland den Krieg für das gesamte russischeReichsgebiet zu erklären, oder nach dem beide Mächte sich verpflichten,jeden aus dem Bündnis folgenden Krieg für ihr gesamtes Gebiet zu erklären.Würden solche Anregungen nicht wie Rauhreif auf die jetzige gute Stim-mung des Zaren fallen? Ich verkenne auch nicht, daß jede solche Anregungdeshalb höchst gefährlich wäre, weil sie den Russen die Möglichkeit bietenkönnte, von dem ganzen Vertrage abzuspringen. Geschähe dies, wo würdeeine Situation geschaffen werden, die schlechter wäre als diejenige, die vordem Abschluß des Vertrages bestand. Deshalb bitte Ew. Majestät ich intiefster Ehrfurcht, die Leitung der auswärtigen Politik anderen Händenanvertrauen zu wollen. Es ist möglich, daß ein anderer, in die Situationeingeweiht, sie anders beurteilt als ich. Er könnte sich vielleicht mit gutemGewissen auf Ew. Majestät Standpunkt stellen und mit dem Vertrag indieser Fassung weiteroperieren. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich meinenRücktritt selbstverständlich nur mit Gesundheitsrücksichten begründenwürde. Ich brauche noch weniger zu sagen, daß meine treuesten, dank-barsten und allerinnig8ten Wünsche immer meinen Kaiserlichen Herrn