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DIE ZERSTREUTHEIT DES ZAREN
begleiten würden und daß bis zu meinem letzten Atemzug mein ganzes Herzfür das Glück und den Rubm Ew. Majestät scblagen wird. gez. Bülow."
Ich hatte es in diesem Immediatbericht absichtlich vermieden, derAhnimg Ausdruck zu geben, die sofort in mir aufgestiegen war, als ich dasTelegramm des Kaisers über den in Björkö von ihm erzielten Triumpherhalten hatte, nämlich dem Argwohn, daß es dem Grafen Lambsdorff nachdem Wiedereintreffen seines Souveräns in Petersburg gelingen würde, denZaren zur nachträglichen Desavouierung des von Kaiser Wilhelm im Sturmerrungenen Vertrages und zur Zurückziehung seiner Unterschrift zu be-wegen. Der Zar hatte sich dem Kaiser gegenüber schwach, unselbständigund einfältig gezeigt. Gegenüber seinem Minister zeigte er sich ebensoschwach, ebenfalls unselbständig, aber außerdem noch perfide. Als KaiserNikolaus den Grafen Lambsdorff wiedersah, der ihm durch seine großeHöflichkeit, sein unterwürfiges Wesen, vor allem durch seine stille Art, dieangenehm abstach von den gröberen Manieren, dem lauten Organ und demherrischen Auftreten des Finanzministers Witte, besonders sympathischwar, fand er den Minister des Äußern sehr verstimmt. Wladimir Nikolaje-witsch zeigte sich tief verletzt, daß er zu einem so wichtigen Staatsakt wiedem „traite ou soi-disant traite de Björkö" nicht zugezogen worden war. Erdeutete an, daß der selbstherrschende Zar sich vom Deutschen Kaiser habeüberrennen lassen. Dieser hätte die allzu große Courtoisie, vielleicht aucheine momentane „distraction" des Zaren benutzt, um ihn hinter das Lichtzu führen. So wurde mir später von Witte und Iswolskij die Szene zwischendem aus Björkö zurückkehrenden Zaren und seinem Minister des Äußerngeschildert. Jedenfalls wurde es Lambsdorff nicht schwer, seinen Monarchendavon zu überzeugen, daß der von ihm in Björkö unterzeichnete Vertragnicht in Einklang mit dem russisch -französischen Bündnis zu bringen wäre.Dem deutschen Botschafter sagte Graf Lambsdorff , es sei zu bedauern, daßer, der zuständige Minister, in Björkö nicht zugezogen worden wäre. Erwürde vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt und verhindert haben, daßdie Monarchen einen Pakt unterzeichneten, dessen Ausführung unmöglichsei. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß sich Lambsdorff in diesem Sinne auchgegenüber dem französischen, vielleicht auch dem englischen Botschafterausgesprochen hat. Jedenfalls wurde der St. Petersburger Korrespondentdes „Daily Telegraph ", Mr. Dillon, von russischer Seite in die Lage ver-setzt, die Version des Grafen Lambsdorff über die Björköer Zusammenkunftder englischen Regierung zu übermitteln.
Der Besuch des Kaisers Wilhelm II. in Kopenhagen war völlig erfolglosgeblieben. Der damals schon siebenundachtzigj ährige König Christian IX.war durch ein langes, wechselvolles Leben, das ihm schwere Prüfungen,aber dafür Erfahrung gebracht hatte, viel zu gewitzigt, um nicht der