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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOWS ABSCHIEDSGESUCH

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stürmischen Umwerbung des Deutschen Kaisers eine höfliche, aber be-stimmte Ablehnung entgegenzusetzen. Er schickte sogar seinen Ministerdes Äußern, den Grafen Raben, nach London , um dort die Versicherungabzugeben, daß Dänemark sich unter allen Umständen der striktestenNeutralität befleißigen würde. Graf Raben, mit dem mich alte Beziehungenund eine entfernte Verwandtschaft verbanden, erzählte mir später, derKönig Christian sei zu dieser Entsendung auch durch einen Brief seinerTochter, der Königin Alexandra von England, bewogen worden, die beiihmganz entsetzt" angefragt habe, ob er England verraten" wolle. Dieenglische Presse verbreitete die Nachricht, daß der Deutsche Kaiser nichtnur die norwegische Krone für einen Prinzen seines Hauses erstrebe,sondern auch Dänemark zwingen wolle, die Ostsee allen Schiffen außerdenen der baltischen Nationen zu verschließen. Gleichzeitig wurde derbevorstehende Besuch eines englischen Geschwaders in der Ostsee angekündigt.

Dies war in großen Umrissen die Lage, als Kaiser Wilhelm II. im SchloßWilhelmshöhe , wohin er sich nach seiner Rückkehr von seiner Ostseefahrt Antwort desbegeben hatte, mein Abschiedsgesuch erhielt. Seine Antwort war der nach- Kaisersstehende Brief:Mein lieber Bülow, Ihren Brief per Boten eben erhalten.Ich bin nach reiflicher Erwägung völlig außerstande, zu sehen, daß dieLage für uns durch ,en Europe ' eine so ernstere oder gefährlichere gegen diebisherige geworden sei, daß Sie Veranlassung haben, Mir Ihre Entlassunganzubieten. Sie haben von Mir mitgeteilt erhalten zwei Tatsachen, dieallein schon einen so enormen Fortschritt bedeuten gegen früher, daß siefür uns hoch eingeschätzt werden müssen: 1. daß S. M. der Kaiser Mirfeierlich erklärte, daß für Rußland die Elsaß-Lothringen-Frage un incidentclos sei, 2. daß er Mir in die Hand versprochen hat, niemals mit England gegen uns eine Verabredung oder Bündnis einzugehen. Wenn es Bismarckgelungen wäre, einen dieser beiden Punkte von Alexander II. oder III. zuerreichen, so wäre er außer sich vor Freude gewesen und hätte sich vonallem Volk feiern lassen, als ob er einen großen Erfolg errungen hätte. Dassind zwei so schwerwiegende Tatsachen, daß Ich glaube, diese allein be-deuten für unser Vaterland eine festere Sicherung als alle Verträge undsonstigen Rückversicherungen. Aus Meinem Privatbriefe werden Sie er-sehen haben, wie hochernst, ja wie heilig Mir das Wohl Meines Landes war,wie ich überzeugt war, daß Ich Ihnen eine große Erleichterung Ihrerschweren Aufgaben zu bringen imstande war wovon Ich auch jetztüberzeugt bin und daß Ich vor allem stets vor Augen hatte, Ihnen vor-zuarbeiten und Ihnen zu helfen. Denken Sie an Ihre Abschiedsworte anMich in Saßnitz : ,0 wenn es doch möglich wäre, daß Sie mit dem Zarenzusammentreffen könnten, ich würde mich unendlich freuen, es wäre für

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