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ACHT JAHRE ZUSAMMENARBEIT
brillanten Schützen und gewandten Lawn-Tennis-Spieler ausgebildet. Inachtjährigem Zusammenarbeiten mit dem Kaiser hatte ich mich davonüberzeugen müssen, daß ihm viele Eigenschaften abgingen, die ein Staats-oberhaupt besitzen muß, um mit dauerndem Erfolge zu regieren. Es hatteschon manche Meinungsverschiedenheit zwischen uns gegeben, wir hattenuns nicht selten „gekabbelt", um einen Lieblingsausdruck Seiner Majestätzu gebrauchen, ich hatte mich bisweilen, sogar recht häufig, über ihn ge-ärgert. Aber trotzdem hebte ich ihn mit ganzem Herzen, nicht nur für alleGüte, alles Wohlwollen, die er mir fast überreichlich gezeigt und erwiesenhatte, sondern ich hebte auch den hochbegabten, edel veranlagten Men-schen, der so liebenswürdig und liebenswert, so einfach und natürlich, sogroßherzig und großzügig sein konnte. Ich scheue mich nicht, es zu sagen,daß ich noch ganz unter seinem Zauber stand. Obwohl ich kaum zehn Jahreälter war als der Kaiser, war ich gereifter als er. Die im Purpur geborenwurden, die Porphyrogeniti, bleiben im allgemeinen lange unreif, sie sindbisweilen mit vierzig Jahren jugendlicher als andere Sterbliche mit fünf-undzwanzig Jahren. Das Schwabenalter beginnt für Prinzen später als fürdie meisten Erdenbewohner. Die Empfindungen, die ich für den Kaiserhegte, waren die, die ein Vater für seinen Sohn hat, der ihn bisweilen ver-stimmt, der ihm noch öfter Sorgen einflößt, dessen glänzende Talente,dessen große Geistes- und Herzensgaben, dessen viele schöne Eigenschaftenihn aber doch immer wieder erfreuen und anziehen. Auch in späterenJahren, als ich mir über die Oberflächlichkeit und Eitelkeit, die Unzu-verlässigkeit und namentlich über die Unwahrhaftigkeit des KaisersWilhelm II. keine Illusionen mehr machen konnte, selbst nachdem er,Ruinen hinter sich zurücklassend, ins Ausland geflohen war, konnte ichmich nie entschließen, ihn zu hassen. Auch in den Novembertagen 1908war ich dem Kaiser gegenüber frei von jeder Abneigung oder Gereiztheitoder auch nur Ungeduld. Ich empfand damals, wenn ich den Vergleichgebrauchen darf, wie ein gewissenhafter Arzt, der im gegebenen Augenblickdie Pflicht hat, beim Patienten, wie teuer dieser ihm auch sein möge, denschmerzlichen, aber heilenden Schnitt vorzunehmen. Vor allem habe ichvom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung in Wilhelm II. immer den Sohn seines herrlichen Vaters, den Enkel des Siegers von Sadowaund Sedan, den Nachfahren des großen Königs und des Großen Kurfürsten,den König von Preußen und Deutschen Kaiser erblickt, den Vertreter derruhmvollsten Dynastie, die Deutschland seit den Hohenstaufen sah, derDynastie, für die und mit der Bismarck Deutschland geeinigt hatte, desHerrschergeschlechts, auf dessen Schultern die Zukunft des DeutschenReichs ruhte.
Der Brief des Kaisers wurde mir durch den Generaladjutanten von