APPELL AN DIE FREUNDSCHAFT
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majorem Germaniae Gloriam. Sie sind Mir durch Meine diesjährige Ver-wendung ja geradezu verpflichtet. Sie können und dürfen Mir nicht ver-sagen, damit wäre Ihre ganze eigene diesjährige Politik von Ihnen selbstdesavouiert und Ich auf ewig blamiert. Was Ich nicht überlebenkann. Gönnen Sie mir ein paar Tage erst der Ruhe und Sammlung, eheSie kommen, denn die durch Ihre Briefe verursachte Nervenaufregung istzu groß, Ich bin jetzt außerstande, in Ruhe zu debattieren. Ihr treuerFreund Wilhelm I. R. — P. S. Ich appelliere an Ihre Freundschaft für Mich,und lassen Sie nicht wieder etwas von Ihrer Abgangsabsicht hören.Telegraphieren Sie Mir nach diesem Briefe: ,Allright!', dann weiß Ich, daßSie bleiben! Denn der Morgen nach dem Eintreffen Ihres Abschieds-gesuches würde den Kaiser nicht mehr am Leben treffen! Denken Siean Meine arme Frau und Kinder. W. — P. S. Habe ein Chiffretelegramm anden Zaren vorbereitet, worin Abänderung vorgeschlagen wird in IhremSinne. Ich stehe seit Björkö so mit ihm, er hat ein so festes Vertrauen aufMich, daß Ich hoffe, es zu erreichen. Soll Ich Sie und konstitutionelleVertretungsgründe noch mit hineinbringen? Oder nur von uns aus direkt?Bitte Drahtantwort. W."
Als ich diesen Brief las, war ich tief bewegt. Es fehlt in dem SchreibenSeiner Majestät nicht an Übertreibungen. Einiges war frei erfunden. Diemir in den Mund gelegten feierlichen Abschiedsworte angesichts der Kreide-felsen von Saßnitz hatte ich nie gesprochen. Ich hatte dort nur dem Kaiserfür den Fall einer Begegnung mit dem Zaren, der ich rebus sie stantibusnüchtern, eher skeptisch gegenüberstand, Vorsicht und ruhiges Blut an-geraten. Die von mir leider nicht genügend in Anschlag gebrachten Fähr-lichkeiten der Landung und des Einzugs in Tanger habe ich hinterher leb-haft bedauert. Die Behauptung, ich hätte dem Kaiser erzählt, daß ich nachseiner Abfahrt aus Tanger von einem Weinkrampf befallen worden wäre,war unwahr. Von einem solchen bin ich weder damals noch später heim-gesucht worden. Je n'ai pas la lärme aussi facile, so locker sitzen mir dieTränen nicht. Mit diesem Weinkrampf verhält es sich ebenso wie mit denWeinkrämpfen, die Wilhelm II. in seinem nach der Entlassung des FürstenBismarck an Kaiser Franz Josef gerichteten Brief seinem größten Kanzlerandichtet.
Aber trotz solcher kleinen Schönheitsfehler erschütterte mich dieserkaiserliche Brief. Namentlich der Hinweis auf seinen unvollkommenenArm rührte mich. Unter den vielen gewinnenden menschlichen Eigen-schaften des Kaisers war mir kaum eine sympathischer als die wahrhaftmännliche Art, wie er die Lähmung seines Unken Armes ertrug und über-wand. Ohne diesen körperlichen Mangel irgendwie zu verstecken, hatte ersich durch eiserne Konsequenzen trotzdem zu einem kühnen Reiter, einem
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