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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS VÄTERLICHE VERBOT

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Zessin Sophie von Sachsen-Saalfeld-Koburg zu erobern. Um die Heirat zuermöglichen, wurde er in den Grafenstand erhoben und erhielt den Namendes Dorfes Mensdorff, aus dem er stammte. Die Königin Victoria erstrecktedie unbegrenzte Liebe, die sie für ihren Gemahl empfand, auf alle seineVerwandten, auf alle, die irgendwie mit dem Hause Koburg zusammen-hingen, also auch auf die Familie Mensdorff. Wenn ein Mensdorff zurKönigin eingeladen wurde, erhielt er einen besonderen sehr hohen Rang.König Eduard machte es in dieser Beziehung wie seine Mutter. Der Erz-herzog Franz Ferdinand erzählte mir gelegentlich mit zornigem Ausdruck,man habe ihn in England bei einem feierlichen Anlaß in derselben Reihemit einem österreichischen Untertan, dem Botschafter Mensdorff,placiert. Die Königin und ihr Sohn gingen davon aus, daß der Rang sichnach dem Grade der Verwandtschaft mit dem englischen Königshauserichte. In England fand alle Welt mit englischem Aplomb und englischemHochmut dies völlig in der Ordnung, Tories und Whigs, Aristokraten wieDemokraten. Kaiser Wilhelm , obwohl er von allen nichtenglischen Fürst-lichkeiten dem englischen Königshause verwandtschaftlich am nächstenstand und schon deshalb sein Rang nicht angetastet werden konnte,ärgerte sich doch darüber, daß Albert Mensdorff , der übrigens ganz ge-wandt, auch etwas intrigant war und es nicht ungern sah, wenn dieenglische Gesellschaft dennetten" (nice) Österreicher dembösen"(wicked) Deutschen vorzog, so sehr fetiert wurde.

Am 8. September berichtete mir Tschirschky weiter:Euer Durchlauchtbeehre ich mich Nachstehendes gehorsamst zu melden. Seine Majestät ge- Einladungruhten mir soeben mitzuteilen, daß S. K. H. der Kronprinz einen Brief des Kron-des Königs Eduard erhalten hat, in dem der König sich darüber beklagt, pr in * en J ia ^ 1daß Seine Majestät auch dieses Jahr den Besuch des Kronprinzen in Eng- gc j e ^ ntland verhindert habe. Hiernach sei es klar, daß der Kaiser überhaupt nichtwolle, daß der Kronprinz nach England komme. Der Ton des Briefes seiwenig freundlich gewesen. S. M. fügten hinzu, der Kronprinz scheine leiderseiner Weisung, als Grund für die Ablehnung der Einladung den Besuch desKönigs von Spanien anzuführen, nicht gefolgt zu haben, sondern habe inseinem Unmute über das entgangene Amüsement in England sich nur aufdas kaiserliche Verbot berufen. S. M. will nun dem König direkt schreibenund ihm ganz ruhig sagen, daß der bei allen Höfen herrschende Brauch beiEinladungen von Prinzen eine vorgängige Anfrage bei dem Familien-oberhaupt fordert. Lord Lonsdale tut, wie gewöhnlich, das Mögliche, umden Antagonismus zwischen den beiden Herrschern zu schüren. S. M. er-zählte mir, der Lord habe ihm vorgeklagt, daß der König ihn nicht mehrempfangen wolle, und zwar nur deshalb, weil er mit dem Deutschen Kaiserbefreundet 6ei! Der Lord habe ihm weiter bestätigt, daß die Presse-