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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE ENGLÄNDER BETRUNKEN MACHEN

S. M. sehr schlecht zu sprechen zu sein. Ich sagte zu Fürst Max Fürstenberg ,der Kaiser habe augenscheinlich mit ihm als seinem persönlichen Freundgesprochen, und ich hoffte, er werde als solcher die Worte S. M. in seinemBusen bewahren. S. M. habe ich abends unter vier Augen erzählt, was mirFürstenberg gesagt hatte, und ich habe S. M. beschworen, vorsichtig zusein. Der persönliche Zwist zwischen ihm und dem König Eduard könnedie weittragendsten und unheilvollsten Konsequenzen haben; die Engländerwarteten doch nur darauf, daß er sich eine Blöße gebe. Nun kommt leiderwieder die Sache mit dem Kronprinzen! Beide Majestäten sind unter demEindruck der bedauerbchen Unreife des Kronprinzen. Ich habe neulich einlanges Gespräch mit der Kaiserin darüber gehabt und habe ihr gesagt, ichhätte ihr schon vor zwei Jahren geraten, den Kronprinzen einmal beimLandrat oder, wenn es nicht anders gehe, beim Oberpräsidenten ordentlicharbeiten zu lassen. Denn bisher, auch militärisch, spielt er ja nur. DieKaiserin fand allerhand Gründe, weshalb es bis jetzt nicht möglich ge-wesen sei, will nun aber alles tun, damit im Herbst eine Entscheidung indieser Richtung getroffen werde. Eine Unterstützung dieses Planes durchEure Durchlaucht würde gewiß von bester Wirkung sein und die gutenAbsichten der Majestäten zu praktischer Ausführung bringen. Mit demAusdruck ausgezeichneter Hochachtung und tiefster Verehrung EuerDurchlaucht ganz gehorsamer von Tschirschky."

Der Gedanke, zwei Generaladjutanten nach Swinemünde zu schicken,um dort das Verhalten der engbschen Flotte zu beobachten, war in der Tatnicht glücklich. Fast noch kindlicher, um nicht zu sagen kindischer, war,was in derselben Zeit, am 25. August 1905, Kaiser Wilhelm ohne meinWissen an seinen Freund Nicky schrieb:Ich habe Meiner Flotte befohlen,der britischen in der Ostsee wie ein Schatten zu folgen und, wenn sie inSwinemünde Anker geworfen hat, in der Nähe der britischen Flotte an-zulegen, ihnen ein Diner zu geben und sie so betrunken zu machen wie mög-bch, um herauszukriegen, was sie vorhaben, und dann wieder fortzusegeln."In Wirklichkeit wurde die englische Flotte in Swinemünde von allenBehörden in der üblichen Form, mit ruhiger Höfbchkeit begrüßt und auf-genommen. Alle Offiziere unserer Marine, mit denen ich während meinesLebens in Berührung gekommen bin, zeichneten sich durch gute Manierenund ein einnehmendes Wesen aus, erwarben sich auch überall Sympathien.Der in dem Briefe des Gesandten von Tschirschky erwähnte öster-Graf Mens- reichische Botschafter in London Graf Albert Mensdorff war Persona in-dorff-Pouilly gratissima bei Seiner Majestät. Die Mensdorffs entstammten einer kleinenlothringischen Familie, die ursprünglich Pouilly hieß. Ein Pouilly emi-grierte während der Französischen Revolution nach Koblenz und wurde vondort nach Österreich verschlagen, wo es ihm gelang, das Herz der Prin-