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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MASSAKER UND DIKTATUR IN PETERSBURG

Das Jahr 1905 hatte für Rußland damit begonnen, daß der PräsidentBeginn der der Moskauer Semstwos, Fürst Trubetzkoi, in einem offenen Schreiben anrussischen J en Minister des Innern, den eher liberal gesinnten Fürsten Mirski, dieRevolution Notwendigkeit von Reformen betonte,um eine Revolution zu vermeiden".

Es folgten zahlreiche Kundgebungen der Arbeiterschaft wie derIntelli-genzia" für konstitutionelle und administrative Reformen. Die Polizeischritt vergeblich dagegen ein. Stärkeren Eindruck machte auf den Zaren,daß bei dem jedes Jahr am Epiphaniastage stattfindenden Feste der Was-serweihe, die vom St. Petersburger Hof seit jeher mit besonderem Glanzgefeiert wurde, in das Zelt, unter dem sich der Kaiser mit dem Hof auf demEise der Newa versammelt hatte, beimSalutschießen plötzlich mehrereKartätschkugeln einschlugen. Es ist niemals festgestellt worden, wie esmöglich war, daß dieser Scharfschuß abgefeuert werden konnte. Drei Tagespäter folgte ein blutiger Zusammenstoß zwischen Militär und einer Massen-deputation streikender Arbeiter, die von dem Popen Gapon, einem aus-gesprungenen Priester, geführt wurden. Die Arbeiter, an deren Spitze Gapon mit dem orthodoxen Kreuz in der einen Hand, ein Bild des Zaren in deranderen, marschierte, wollten im Winterpalais eine Bittschrift überreichen,die alle jene Wünsche und Grundrechte aufzählte, welche die Demokratiedes Westens seit langem erreicht hatte, die aber in Rußland nie öffentlichverlangt worden waren und die übrigens nach erfolgtem Umsturz von dersiegreichen Revolution mit Füßen getreten werden sollten: Freiheit desWorts, Gewissensfreiheit, Gewährleistung des Versammlungsrechts, Ga-rantien der persönlichen Sicherheit, eine Volksvertretung, Gleichheit allervor Gericht, Verantwortlichkeit der Minister, obligatorischer Schulbesuchauf Staatskosten, Einkommensteuer usw. Dazu traten neue sozialistischeForderungen, wie Achtstundentag, Streikrecht, Vorkehrungen gegen dieBedrückungen der Arbeiter durch das Kapital. Ein rasch herbeigeholtesGarderegiment verhinderte die Demonstranten, bis zum Winterpalais zugelangen. Es gab mehrere Tausende von Toten. Unter den Verhaftetenbefand sich der talentvolle Dichter Maxim Gorki, dessenNachtasyl" auchin Deutschland, meisterhaft gegeben, viel Interesse erregt hatte. Acht-undvierzig Stunden nach diesem Zusammenstoß wurde in St. Petersburg die Militärdiktatur erklärt, an deren Spitze General Dimitrij FedorowitschTrepow trat. Er war eine echt russische Erscheinung. Sein Vater war alsausgesetztes Kind auf der Treppe eines reichen deutschen Kaufmanns inWassily-Ostrow gefunden worden, der ihm den Namen Trepow (Treppauf)beilegte. Er kam später in das Kadettenkorps, brachte es in der Armee biszum Obersten und wurde als solcher unter Kaiser Alexander II. Polizei-präsident von Petersburg. Das Attentat, das Vera Sassulitsch 1875 gegenihn gerichtet hatte, bezeichnet den Beginn der modernen, von unten auf-