BISMARCK NIE ANTIZARISTISCH
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Frankreich. Auch König Eduard sprach lange mit mir, ohne jedoch politischWichtiges hervorzuheben." Daß der damalige Prinz von Wales Deutschland und dem Deutschen Kaiser unbefangener gegenüberstand als sein Vater,bestärkte mich in meiner auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik.Die Zeit ging für uns. Es kam aber darauf an, Riffe und Sandbänke zu ver-meiden, bis eine Änderung der gesamten Weltlage, wie eine solche von Zeitzu Zeit immer wieder eintritt, denn xdvza gel, ewig wechselt alles, unsleichtere und ruhigere Fahrt vergönnte.
Ob ein autokratisch regiertes Rußland für uns nützlicher sei oder einrevolutionäres, konnte zweifelhaft erscheinen. Fürst Bismarck war der Innere Vor-ersteren Ansicht. Herbert Bismarck äußerte mir gegenüber, als ich 1884 g° n 8 e "*als Botschaftsrat nach St. Petersburg geschickt wurde, sein Vater habe seit ^ u ß^ a ' 1 ^jeher seine Politik gegenüber Rußland auf die Person des gerade regierendenZaren eingestellt. Andererseits war es klar, daß, wenn es für uns leichterwar, uns mit dem zaristischen Rußland zu verständigen als mit einemrepublikanischen, weil wir am russischen Hofe, in der russischen Gesell-schaft und im russischen Beamtentum viel mehr Anknüpfungspunkte, Ver-ständnis und Sympathien fanden als bei den die Autokratie bekämpfendenElementen, doch das Hochkommen der letzteren die russische Machtschwächen mußte. Jedenfalls hat Fürst Bismarck recht behalten mit seinerVoraussage, daß ein Krieg zwischen den drei Kaiserreichen eine ernsteGefahr für die drei Kaiser bedeuten würde. Er würde nie einem Krieg gegenRußland eine so antizaristische Spitze gegeben haben, wie dies Bethmanntat. Er hätte auch schwerlich die bolschewistischen Führer aus der Schweiz nach Rußland zurückgeführt. Daß die innere Lage in Rußland , je längerder Krieg gegen Japan dauerte, um so bedrohlicher wurde, war zweifellos.
Der russische Botschafter in London, Graf Benckendorff , sprach sichseinem deutschen Kollegen gegenüber hinsichtlich der weiteren Entwicklungder innerrussischen Verhältnisse sehr ängstlich aus. Kaiser Nikolaus , hatteder russische Botschafter in London dem Grafen Metternich unter anderemgesagt, sei vorläufig noch entschlossen, den Krieg gegen Japan mit allenMitteln weiterzuführen. Es könne sich dies aber auch plötzlich ändern,da die verschiedensten Einflüsse auf den Zaren einwirkten. Im Gegensatz zufrüher, wo der Zar sich abgeschlossen habe, könne jetzt jeder, der irgend-einen Plan zur Rettung Rußlands hege, persönlich an ihn herankommen.Den ganzen Tag kämen und gingen Vertreter der Semstwos und andere mitVorschlägen und Bittschriften zum Zaren. Auf eine Frage des GrafenMetternich nach der Stellung des Grafen Witte hatte der russische Bot-schafter erwidert, der Zar könne Witte nach wie vor nicht ausstehen, dessenMacht sei aber trotzdem auf Grund seiner bedeutenden Persönlichkeit nichtzu unterschätzen.