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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE MAROKKO -KONFERENZ

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Gerechtigkeit widerfahren lassen und vermeiden, ihremUrteil den Maßstabder Heimat, abstrakte Grundsätze oder subjektive Liebhabereien zugrundezu legen. Die Förderung der deutschen wirtschaftlichen und politischenInteressen muß allein Ziel sein. Lamentationen über fremde Fehler undmehr oder weniger gelungene Ironisierungen ausländischer Zustände sindwertlos. Die vorstehenden Direktiven werden nicht nur bei der Bericht-erstattung, sondern auch materiell als Richtschnur dienen können."

Inzwischen waren die Vorarbeiten für die Marokko -Konferenz wesentHchvorangeschritten. Zwischen uns und Frankreich waren über das Programmam 8. Juh und am 28. September 1905 Vereinbarungen getroffen worden, die"bewiesen, daß es leichter war, mit Herrn Rouvier zu einer Verständigungzu kommen als mit seinem Vorgänger. Auch in den parlamentarischenKreisen Frankreichs machte sich eine Besserung der Stimmung bemerkbar.Die seit dem Frankfurter Frieden bestehende Unterströmung blieb natürlichunverändert, aber die Oberfläche hatte sich seit dem Rücktritt von Delcasse erheblich geglättet. Im Herbst 1905 besuchte der Abgeordnete Millerand , Milleranddamals einer der Führer der französischen Sozialdemokraten, später ein Berlin sehr nationalistischer Kriegsminister, Ministerpräsident und Präsident derFranzösischen Republik , die Reichshauptstadt. Uber seine Begegnung mitMillerand meldete mir der Staatssekretär von Richthofen:Herr Millerandbesuchte mich heute. Aussehend wie aus mittlerem Bürgerstand, nicht groß,etwas rund, von guten Formen und sehr höflich. Er ist mit seiner Frauunterwegs nach Wien zu einem Arbeiterversicherungskongreß, weilt zweiTage hier, reist heute abend ab und will morgen einige Stunden die Museenin Dresden besuchen. Zum erstenmal hier, scheint ihm Berlin sehr zu ge-fallen. Er äußerte sich sehr befriedigt über seine Aufnahme hier und daßihm so vieles, insbesondere durch die Herren Bödecker und Freund, gezeigtworden sei; alles Amtliche scheine ihm vortrefflich organisiert. In poli-tischer Beziehung sprach Millerand abfällig über Delcasse. Nachdem manihn Deutschland geopfert habe, hätte man in der Marokko -Frage größeresEntgegenkommen erwartet und sei etwas desülusioniert gewesen. Icherwiderte ihm, es handle sich wesentüch um Bagatellen, und ich verstündenicht, daß man wegen dieser in Paris so schwierig sei. Es scheine aber jetztsich alles zu ordnen. Millerand bemerkte ferner, man gehe fehl, wenn manin Deutschland etwa geglaubt habe, daß Frankreich mit England eineAllianz zu schließen beabsichtige. England habe als in seinem Interesseliegend befunden, die Sache so darzustellen: ,L'alliance avec la Russie etbon ami avec l'Angleterre et avec l'Allemagne si eile veut.' Je besser dieBeziehungen zu Deutschland sich gestalteten, desto mehr werde man inFrankreich befriedigt sein, und er hoffe welche Hoffnung ich teilte,daß sich aus den Marokko -Beratungen schließlich ein besseres Verhältnis