NE JANZ DOLLE IDEE VON S. M.'
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Bescheidenheit setzte, jedes Wort betonend, Moltke mir auseinander: „Fürdie Aufgabe des Feldherrn im Kriege bin ich zu schwerblütig, zu bedächtigund bedenklich, zu gewissenhaft, wenn Sie wollen. Es geht mir die Fähigkeitab, unter Umständen alles auf eine Karte zu setzen, was die eigentlicheGröße des wahren und geborenen Feldherrn, die Größe von Napoleon ,von unserem Alten Fritz und meinem Onkel ausmachte. Der Meister dertheoretischen Kriegskunst, Karl von Clausewitz , nennt ja Napoleon einenleidenschaftlichen Spieler. Clausewitz meint auch, und diese Worte sind mirin diesen Tagen oft durch den Sinn gegangen, daß der Krieg immer etwasvon der Natur des Glücksspiels behalte. Deshalb werde der Feldherr, derzu wenig Neigung für dieses Spiel habe, im großen Kontobuche der kriege-rischen Erfolge in eine tiefe Schuld geraten. Ich habe keine Neigung, auchnicht das Temperament zum Hasardieren." Moltke fügte hinzu, daß ihmder Gedanke entsetzlich wäre, mit dem Bewußtsein seiner Unzulänglichkeiteinen derartig wichtigen Posten zu übernehmen, auf die Gefahr hin, nichtnur die Armee und das Land zu schädigen, sondern auch auf den hellleuchtenden Namen seines Oheims einen Schatten zu werfen. Er knüpftean diese mit Überzeugung gesprochenen Worte die dringende Bitte, ichmöchte den Kaiser von dem Gedanken abbringen, ihn zum Chef des preußi-schen Generalstabes zu ernennen. Ich erwiderte Moltke, daß es mir peinlichwäre, ihm seine Bitte abzuschlagen. Ich hätte mir aber zur Regel gemacht,mich nicht in militärische Angelegenheiten und insbesondere Perso-nalien einzumischen. Ich erlaubte keine Ingerenz in meinen eigenen Wir-kungskreis, wolle aber auch nicht in die Rechte und Obliegenheiten anderereingreifen. Mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber in Würdigung meinerBeweggründe trennte sich Moltke mit kräftigem Händedruck von mir.
Am Nachmittage desselben Tages begegnete ich in der Wilhelmstraßedem Chef des Militärkabinetts, dem Grafen Dietrich Hülsen, der ebensowie Moltke seit langem zu meinen besten Freunden gehörte. Ich erzählte ihmmeine Unterredung mit Moltke . Mit Humor und in seinem unverfälschtenBerliner Deutsch erwiderte mir Hülsen: „Det is sehr vernünftig von Julius(so wurde Moltke von seinen Freunden, ich weiß selbst nicht warum,genannt), so zu sprechen. Er paßt auch jar nicht in den roten Kasten amKönigsplatz. Det is ne janz dolle Idee von S. M." Sehr ernst werdend, fuhrHülsen fort: „Es wird aber unendlich schwer sein, dem Kaiser diesen Ge-danken auszureden. Wenn ich dem Kaiser für irgendein Armeekorps einenneuen Kommandierenden General vorschlage, für die wichtigsten Korps,für Metz oder Posen, und es soll nicht gerade Kaisermanöver bei dem be-treffenden Korps sein, so stimmt Seine Majestät ohne weiteres zu. Aber wennes sich um Posten handelt, mit deren Trägern er in häufige Berührungkommt, also z. B. um die Kommandeure der Leibregimenter oder um den