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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WER WIRD GENERALSTABSCHEF?

Kommandierenden General des Gardekorps oder um den Kommandantendes Großen Hauptquartiers oder auch um den Chef des Großen General-stabs, so ist es Seiner Majestät in hohem Grade unerwünscht, ja beinaheunerträglich, in solchen Stellungen nicht ihm ganz sympathische Leute,womöglich gute Freunde zu haben." Ich erwiderte, daß dann der Kaiser beider Auswahl der militärischen Spitzen bedauerlicherweise sehr verschiedenvon seinem Großvater wäre. Der hätte den späteren Feldmarschall Man-teuffel bei seinem Regierungsantritt zum Chef des Militärkabinetts be-stimmt, obwohl er sich gerade mit diesem Offizier, solange derselbe Adju-tant des Königs Friedrich Wilhelm IV. gewesen war, wiederholt und heftiggestritten hätte. Als Manteuffel, von der ihm bevorstehenden Beförderunginformiert, den alten König an diese Vergangenheit erinnert hätte, habeWilhelm I. erwidert:Gerade weil Sie meinem Bruder so treu gedient haben,habe ich Sie für den in Rede stehenden wichtigen Posten ausgesucht."Der alte Herr habe auch den berühmten General von Voigts-Rhetz , einender wenigen ihm persönlich ganz antipathischen Generale nicht nur raschavancieren lassen, sondern ihn 1866 zum Generalstabschef der erstenpreußischen Armee, später zum Generalgouverneur von Hannover und1870 zum Führer des 10. Armeekorps designiert. Ich frug dann Hülsen,wer außer Moltke für den Posten des Generalstabschefs nach seiner Ansichtnoch in Frage kommen könne. Hülsen nannte mir in erster Linie den Kom-mandierenden General des 3. Armeekorps Karl Bülow , den späteren Feld-marschall, fügte aber gleich hinzu:Den nimmt der Kaiser nicht, er er-klärt ihn für einen Dickkopf." Er nannte dann noch die beiden GeneraleBock von Polach, den Generalleutnant, der damals das 9., und den Generalder Infanterie, der das 14. Armeekorps kommandierte, den General vonFalkenhausen, den General Colmar von der Goltz, den General von Hin-denburg, den General von Eichhorn und den General von Woyrsch, be-merkte aber bei jedem Namen, daß der Betreffende aus diesem oder jenemGrunde persönlich Seiner Majestät nicht konveniere. Den einen nenne ereinen Zimmerstrategen, den andern einen Klugredner, einen dritten einenPhantasten. Es war dies, nebenbei gesagt, das erstemal in meinem Leben,daß ich den großen Namen des Siegers von Tannenberg, des späteren Gene-ralfeldmarschalls von Hindenburg , hörte. Schließlich sagte mir Hülsen, erhabe nicht das mindeste dagegen, sondern würde sich im Gegenteil sehrfreuen, wenn ich versuchte, Seine Majestät von der Ernennung von Moltke abzubringen. Ich schrieb noch an demselben Tage einen Brief an den Kaiser,in dem ich ihm etwa sagte: er wisse aus langem Zusammenarbeiten mitmir, daß mir eine Einmischimg in militärische Fragen und Personalienfernläge. Der General von Moltke babe mir aber in so bestimmter Weise,mit solcher Redlichkeit und mit so zutreffenden Gründen die Überzeugung