MOLTKE BITTET, ES NICHT ZU WERDEN
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ausgesprochen, daß er sich für den ihm zugedachten, nicht nur militärisch,sondern auch politisch für Wohl und Wehe des Landes ungeheuer wichtigenPosten nicht eigne, daß ich den Kaiser dringend bitte, sich die Sache nocheinmal zu überlegen und von der Wahl abzustehen. Der Kaiser antwortetemir zuerst in Kürze brieflich, später eingehend mündlich in freundlichsterWeise, er nähme mir meine Vorstellung gar nicht übel, da er darin nureinen neuen Beweis meiner Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit sähe. Erwisse auch wohl, daß Moltke nicht wolle. Diese seine Weigerung macheseiner Bescheidenheit Ehre, sie könne aber ihn, den Kaiser, nicht in seinemEntschluß irremachen, der wohlüberlegt und unwiderruflich wäre und demder göttliche Segen nicht fehlen würde. Der Kaiser erinnerte mich daran,daß auch ich mich nur nach reiflicher Überlegung und nach Uberwindungmancher Bedenken bereit erklärt hätte, den Posten des Staatssekretärs desÄußern zu übernehmen. Schließlich wäre es ganz gut mit mir gegangen.Er sei überzeugt, daß es auch mit Moltke gut gehen würde. Es ist bekannt,daß in Preußen alle militärischen Ernennungen vom König in seiner Eigen-schaft als oberster Kriegsherr, ohne Gegenzeichnung des Kriegs-ministers und lediglich auf Vorschlag des Militärkabinetts vollzogenwurden. Unter einem weisen, sachlichen und erfahrenen Monarchen wieWilhelm I. hatte die Durchführung dieses Grundsatzes nichts Bedenkliches,sie hat sogar dazu beigetragen, im preußischen Offizierkorps jenen Geistgroßzuziehen, dem wir drei siegreiche Kriege verdanken. Unter Wilhelm II. ,der in vielem das gerade Gegenteil seines Herrn Großvaters war, zeigtensich die Schattenseiten dieses Systems.
Im November 1905 trat der bisherige Kolomaldirektor Stübel zurück.Als Nachfolger schlug mir der Kaiser den Erbprinzen Ernst zu Hohenlohe - ErbprinzLangenburg vor, mit dem Hinzufügen, daß es ihm eine besondere Freude zu Hohen-sein würde, wenn ich mich mit dieser seiner Wahl einverstanden erklärte. l ° ne ' Lan S en 'Ich bin nie dahintergekommen, wer den Kaiser auf den Einfall gebracht Xolonial-hatte, mir Erni Hohenlohe als Kolonialdirektor zu proponieren. Der Gute, direktordessen ganze Force in seinen hohen Verwandtschaften bestand, hatte von1900 bis 1905 nach dem Tode des Herzogs Alfred von Koburg mehrereJahre die Herzogtümer Koburg und Gotha als Regent beherrscht. Er machtesich nicht klar, daß es damals leichter war, einen thüringischen Kleinstaatzu „regieren", als einem ziemlich schwierigen Reichsressort vorzustehen,das Arbeitskraft, Verwaltungspraxis und die Fähigkeit voraussetzte,gelegentlich im Parlament Anfragen zu beantworten und Angriffe abzu-wehren. Erni Hohenlohe war nicht nur mit einer englischen Prinzessin,der Tochter des verstorbenen Prinzen Alfred von Großbritannien undIrland, Herzogs von Edinburgh, des zweiten Sohnes der Königin Victoria, vermählt, sondern er war auch der Sohn einer badischen Prinzeß und