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ERNI
gleichzeitig ein leiblicher Vetter der regierenden Kaiserin, deren Mutterbekanntlich eine Hohenlohe-Langenburg gewesen war. Dies verhindertedie immer pflichttreue und mir stets freundlich gesinnte Kaiserin nicht,mich in ihrer vorsichtigen Weise mit leiser Andeutung zu warnen. Sie hegteden Argwohn, daß Erni den Posten als Leiter der Kolonialabteilung alsSprungbrett betrachten wolle, um sich auf den Reichskanzlersessel zuschwingen. „Und dieser Aufgabe", fügte sie lächelnd hinzu, „ist der arme,kleine Erni ja gar nicht gewachsen." Für ganz unbegründet halte ich auchheute diesen Verdacht nicht. Ich halte es sogar für nicht ausgeschlossen,daß Holstein bei dieser Intrige die Hand im Spiele hatte, denn er wußte,daß der Erbprinz von Langenburg bei seiner politischen HilflosigkeitWachs in den Händen des routinierten alten Geheimrats sein würde, mitdem ihn seit Jahren persönlich freundliche Beziehungen verbanden. Wiedem auch sein möge, ich ließ mich in diesem Fall so wenig wie bei manchenanderen Gelegenheiten durch solche Umtriebe beeindrucken und akzep-tierte den Erbprinzen als Kolonialdirektor, dem ich — er war, wie sein Vater,der Statthalter von Elsaß-Lothringen, ein sehr eifriger Protestant — nurdie Bedingung stellte, daß er in seinem Amt, das ihn mit den katholischenMissionen in enge Fühlung brachte, konfessionell unparteiisch und vor-urteilslos handeln und auftreten müsse.
Einige Wochen später hatte ich Gelegenheit, diesen von mir unentwegtDr. Besehr festgehaltenen Grundsatz der Toleranz und vollen Parität auch meinerseitspreußischer zu betätigen. Der Justizminister Schönstedt trat aus Gesundheitsrück-sichten zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Präsident des Ober-landesgerichts in Breslau, Dr. Beseler, ein tüchtiger Jurist. Er entstammteder bekannten holsteinischen Gelehrtenfamilie, deren berühmtester Sproß,Wilhelm Hartwig Beseler, 1844 Präsident der Schleswigschen Stände-versammlung, 1848 Präsident der schleswig-holsteinischen provisorischenRegierung, Mitglied der Statthalterschaft und der Deutschen National-versammlung war. Nach Breslau kam der bisherige Oberlandesgerichts-präsident in Kiel Dr. Vierhaus. Für dessen Nachfolgeschaft schlug ich dendamaligen Reichsgerichtsrat und Reichstagsabgeordneten Peter Spahndem königlichen Staatsministerium vor, stieß aber damit zunächst aufstarken Widerstand. Die meisten meiner Kollegen trugen Bedenken, einemKatholiken und Zentrumsmann das in Rede stehende hohe Amt in einerganz protestantischen Provinz zu übertragen. Ich hielt gegenüber diesemWiderspruch an dem Grundsatz fest, daß, wenn das Staatsministeriumkeinen Anstand nähme, Protestanten nach der Rheinprovinz, nach West-falen und Oberschlesien zu schicken, ich nicht einsehe, warum nicht einKatholik auch in einer überwiegend oder ganz protestantischen Provinzeine erfolgreiche Wirksamkeit ausüben könne. Erwähnen möchte ich endlich
Justizminister