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KRIEGSAUSBRUCH NAHE?
fürs erste erhalten wollten. Daher erachte sich England im Falle einesKrieges zwischen Deutschland und Frankreich für unbedingt verpflichtet,dem letzteren sofort beizuspringen, und das werde es auch bestimmttun. Aber von sich aus allein einen Krieg mit Deutschland machen oder garuns überfallen, daran dächte niemand in England , da wäre das ganze großePublikum absolut dagegen, denn es wolle unbedingt gute Beziehungen mituns haben. Auch die Regierung, deren Mitglieder er kenne, sei von demsel-ben Wunsche erfüllt und würde alles tun, die freundschaftlichen Gefühle zufördern. Dafür wäre es aber enorm wichtig, daß die leidige Marokko -Frageerst von der Tagesordnung verschwinde, denn die laste wie ein Alp auf denEngländern, gerade wegen des in Aussicht stehenden Krieges Deutschlands gegen Frankreich . Als Ich nochmals erklärte, davon sei gar keine Rede, wirwürden mit den Franzosen schon zu Rande kommen, wenn London sie nurin Frieden ließe, sagte Beit: in Frankreich glaube man ebenso fest an dennahen Ausbruch des Krieges wie in London ! Rouvier, den er vor einpaar Tagen besucht habe, habe es ihm auch gesagt, als er über die Kon-ferenz mit ihm gesprochen, die werde sich wohl allmählich abwickeln, aberer habe große Sorgen vor Überraschungen, ,car il est incontestable qu'ily a quelque chose dans l'air'. Nicht genug damit, habe Beit in Paris kon-statiert, daß man sich in aller Stille auf einen Krieg vorbereite! Die Re-serveoffiziere hätten ihre Einberufungsorders zu Ende Februar erhalten,dem mutmaßlichen Datum des Kriegsausbruchs, und überall hätten Vor-bereitungen stattgefunden, soweit man solche treffen könne, ohne direktmobilzumachen. Die Stimmung in Paris sei ernst, besorgt, aber fest undentschlossen gewesen. Der Schreck vom Frühjahr sei fort, und im Bewußt-sein der sichergestellten englischen Hilfe sei man auch guten Muts. Icherwiderte: wir hätten seit den Enthüllungen nie daran gezweifelt, daßEngland mit Frankreich gehen werde — überhaupt stets auf der Seiteunserer jeweiligen Gegner zu finden sein werde. Die ganze Kriegsangstder Franzosen sei lächerlich, an Irrsinn grenzend; falls sie entschlossenseien, sich loyal und gentlemanbke in der Konferenz zu benehmen, würdensie bei uns dasselbe Verfahren finden, und hoffte Ich, daß aus dem Verlaufsich ein ,good understanding' herausentwickeln werde. Da sei also gar keinGrund zu irgendwelchem Krieg und Sorge vor Uberfall von uns. Aber derGrund zu allem diesem Verdrusse sei nicht in Frankreich , sondern inLondon zu suchen! Das sei die verfluchte englische organisierte Hetzegegen uns, die systematisch unter der Hand in der Presse aller Länder mitskrupelloser Verleumdung, Lüge und Verdächtigung alles gegen uns ein-zunehmen und aufzubringen trachte! ,Glauben Sie, daß die englischeRegierung das macht?' fragte Beit. Ich erwiderte: ,Nein!' Aber englischesKapital von reichen Privatiers, welche der Regierung indirekt damit