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KAISERLICHE NEU JAHRSREDE IM ZEUGHAUS
im Lichthof des Zeughauses an die versammelten Offiziere eine aufgeregteRede gehalten, in der er sich üher die europäische Lage sehr pessimistischgeäußert hätte. Die Börse quittierte diese Nachricht mit einer Baisse. Ausder Umgehung Seiner Majestät wurde mir vertraulich gemeldet, daß derKaiser, anknüpfend an die hundertjährige Erinnerung des Jahres 1806,unter anderem ausgeführt hätte: Er habe einen trefflichen Reichskanzler,den er schätze und liebe, der aber den Wagen bisweilen zu nah am Grabenfahre. Als ich mich in unbefangenem Tone beim Kaiser erkundigte, was erim Zeughaus gesagt hätte, übersandte er mir den Text seiner Rede, die wohlnachträglich von ihm etwas zurechtgestutzt worden war, aber jedenfallsnichts Bedenkliches enthielt. Sie war im Stil der meisten kaiserlichen Kund-gebungen gehalten. Das Wort „oberster Kriegsherr" kam fünfmal vor.Als Zweck der Ausbildung des Heeres wurde bezeichnet, daß die Armee das„unüberwindliche Werkzeug Seiner Majestät" sein müsse. Alle Anstren-gungen des Offizierkorps wären darauf zu richten, „das Heer perfekt fürseinen König zu machen", dessen Lob und Zufriedenheit der schönste Lohnfür die Armee wäre.
Die Aufforderung, zur alten preußischen Sparsamkeit zurückzukehren,den Luxus zu fliehen, altbewährte Einfachheit der Sitten unsererVäter wieder einzuführen, sich selbst zu überwinden, war durchausberechtigt, nur hätte der Kaiser selbst in dieser Richtung mit gutem Bei-spiel vorangehen sollen, wovon leider nicht viel zu merken war. Die Mah-nung, daß der Offizier nicht nur für seinen Kriegsherrn sterben müsse, son-dern auch ein anderes Leben zu führen habe „als der gewöhnliche Sterb-liche", daß der Offiziersstand „in seiner Abgeschlossenheit" strengerenAnschauungen huldigen müsse als der Bürger, entsprach einer schönenund bewährten preußischen Tradition, wurde aber von Wilhelm II. nachaußen schärfer und lauter akzentuiert als von Friedrich dem Großen oderWilhelm I. •
Es freute mich, dem Kaiser, der dem Gang der Beratungen und Verhand-lungen in Algeciras mit übertriebener Besorgnis entgegensah, bald nach derEröffnung der Konferenz schreiben zu können, daß der aus London zurück-gekehrte englische Botschafter Lascelles mir vertraulich die Überzeugungausgedrückt habe, eine Besserung der deutsch -englischen Beziehungenwäre unter der neuen liberalen englischen Regierung nach Abwicklung derMarokko-Frage nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Sei die Marokko -Frage erst einmal erledigt und damit eine Detente in den deutsch -französi-schen Beziehungen eingetreten, so würde die neue englische Regierung in derÖffentlichkeit uns gegenüber freundlichere Saiten aufziehen. Ein liberalesenglisches Ministerium, namentlich wenn es von einer starken parlamenta-rischen Mehrheit getragen werde, könne uns gegenüber eine andere Politik