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erkannten, was wirkliches Elend, was wirkliche Schmach sind! Als ich SeinerMajestät das Ergebnis der Algeciras -Konferenz und die unmittelbar bevor-stehende Unterzeichnung der Algeciras -Akte meldete, sprach mir der Kaisertelegraphisch seine lebhafte Befriedigung aus. Dieser friedliche Ausgang derschwierigen Verhandlungen bedeute für ihn eine wahre Erleichterung. Vondem Ergebnis sei er durchaus befriedigt. Das Telegramm schloß mit einemlateinischen Zitat: Hic optime manebimus.
Am 5. April hatte ich die erste sich mir bietende Gelegenheit benutzt,um im Reichstag festzustellen, was Ausgangspunkt, Ziel und Ergebnis derKonferenz von Algeciras gewesen wäre*. Wir hätten in Marokko keinedirekten politischen Interessen, auch keine politischen Aspirationen, wohlaber vertragsmäßige Rechte und wirtschaftliche Interessen. Über sie nichtohne unsere Zustimmung verfügen zu lassen, wäre eine Frage der Würdedes Deutschen Reichs gewesen, das sich nicht als Quantite negligeable be-handeln lasse. Es wäre ein Mangel an Augenmaß gewesen, wenn wir wegenuntergeordneter Fragen die Konferenz gesprengt hätten. Für sekundäreForderungen Kopf und Kragen daranzusetzen, wäre nicht praktischePolitik. An dem großen Grundsatz der offenen Tür hätten wir unerschütter-lich festgehalten, an diesem Grundsatz, der uns während der ganzenMarokko -Aktion geleitet habe und leiten mußte. Ich schloß mit den Worten:„Meine Herren, es war ein ziemlich schwieriger Berg, den wir zu ersteigenhatten. Manche Übergänge waren nicht ohne Gefahr. Eine Zeit der Müheund Unruhe liegt hinter uns. Ich glaube, daß wir jetzt mit mehr Ruhe insWeite blicken dürfen. Die Konferenz von Algeciras hat, wie ich glaube,ein für Deutschland und Frankreich gleich befriedigendes, für alle Kultur-länder nützliches Ergebnis geliefert." In der Tat sind die Beziehungenzwischen Deutschland und Frankreich seit dem Frankfurter Frieden nie soruhig und verhältnismäßig freundlich gewesen wie während der fünf Jahre,die zwischen der Algeciras-Akte und dem Panthersprung nach Agadir lagen. Die Ausführungen, die ich am 5. April 1906 im Reichstag machte,wurden von allen bürgerlichen Parteien mit Zustimmung aufgenommen,insbesondere stimmte mir unter lebhaftem Beifall im Namen des Zentrumsder Abgeordnete Freiherr von Herlling zu. Nach Hert.ling erging sich derAbgeordnete Bebel in den gewohnten sozialdemokratischen Klagen überdie Regierung im allgemeinen und ihre auswärtige Politik im besonderen.Er meinte, daß Bismarck, den er übrigens noch maßloser anzugreifenpflegte als mich, nie die Konferenz von Algeciras zugelassen haben würde.Noch weit fehlerhafter als meine Marokko -Politik wäre, daß ich freundlicheBeziehungen zu dem „barbarischen" Rußland unterhielte.
* Fürst Bülow9 Reden, Große Ausgabe II, 303 ff.; Reclam-Ausgabe IV, 92 ff.