OHNMACHTSANFALL BÜLOWS
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Während Bebel sprach, wurde ich von einer Ohnmacht befallen. Bebel,der mir als Mensch nicht mißfiel und von dem ich glaube, daß er ein gutes DerHerz hatte, ließ mir später durch unseren gemeinsamen Freund, den Ver- Zwischenfalltreter der „Frankfurter Zeitung ", August Stein, sagen, er bedaure, daß V ™£' Ap " 1die Wucht seiner Angriffe die Schuld an meiner Ohnmacht getragen hätte.Diese Selbstanklage war unbegründet. Der gute Bebel, der in den letztenJahren sehr gealtert hatte, auch, wie ich gern anerkenne, sich in rastloserAgitation für die von ihm als richtig betrachteten Ziele verzehrte, hatte am5. April 1906 recht matt gesprochen. Mein Unwohlsein war lediglich daraufzurückzuführen, daß ich während des ganzen Winters und speziell währendder letzten Wochen, mit Arbeiten überhäuft, meinen Schlaf zu sehr ver-kürzt hatte. In den letzten Tagen vor jener Beichstagssitzung ging ichselten vor zwei Uhr, manchmal drei Uhr nachts zu Bett und mußte, um denKaiser, der sehr früh bei mir vorzusprechen pflegte, zu empfangen, schonum sieben Uhr wieder aufstehen. Bichtig ist nur, daß das letzte, was ichmit vollem Bewußtsein sah, das von einem schon stark ergrauten Bartumrahmte, nicht unsympathische Gesicht von August Bebel und seinelebhaften und intelligenten Augen waren. Im übrigen kann ich nur sagen,daß das Gefühl, mit dem ich in Ohnmacht fiel, angenehm war.
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach,
Ins hohe Meer werd' ich hinaus gewiesen.
Die Spiegelüut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen
An mich heran! Ich fühle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.
Als ich wieder erwachte, befand ich mich außerhalb des Sitzungssaales,in dem für den Beichskanzler bestimmten Büro. Das Zimmer war vonMenschen angefüllt, die mir teils die Hände rieben, teils die Füße, nachdemsie mir Stiefel und Strümpfe ausgezogen hatten. Andere flößten mirKognak ein, noch andere einen greulichen heißen Zichorienkaffee. Ich hörtedeutlich, wie meine verehrten Kollegen, die Minister, sich darüber unter-hielten, wer mein Nachfolger, oder wenn mit einer längeren Beurlaubungzu rechnen wäre, Vizekanzler werden würde. Der einzige, der den Kopfnicht verlor, war Geheimrat Hammann. Ich habe ihm das nicht vergessenund ihn, als er nicht lange vor meinem Bücktritt in eine schwierige Situationgeriet, meinerseits gehalten. Hammann trieb Minister, Abgeordnete undJournahsten aus meinem Zimmer und telephonierte nach meiner Frauund nach meinem ausgezeichneten Arzt und Freund, dem Geheimen Bat