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STURZ HOLSTEINS
Renvers. Letzterer erschien sehr bald, untersuchte mein Herz, ließ micheinige Gehversuche machen und sagte mir dann ernst und bestimmt:„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Ehrenmann, daß es nur eine Ohn-macht, in keiner Weise ein Schlaganfall war. Daß Sie sich übergeben haben,kommt nur daher, daß man Ihnen unsinnigerweise alles möghche Zeug inden Hals gegossen hat. Sie werden in kurzer Zeit völlig wiederhergestelltsein, aber Sie müssen Ruhe und vor allem Schlaf haben." Der Kaiser, demmein Unfall telephonisch mitgeteilt worden war, erschien sogleich im Reichs-tag, den er sonst nie zu betreten pflegte, sprach in herzlichster, rührenderWeise meiner Frau seine Teilnahme aus und wollte mich durchaus sehen,was aber Renvers als gewissenhafter Arzt nicht zuließ. Renvers fuhr mitmir und meiner Frau nach dem Reichskanzlerpalais, wo er mich ins Bettsteckte und mir für vier bis fünf Tage jede andere Beschäftigung als dieLektüre illustrierter Zeitungen verbot. Dann durfte ich Romane lesen,deren ich während der folgenden Wochen eine ganze Reihe verschlang,darunter ganz hübsche. Betreut und mit selbstloser Aufopferung gepflegtwurde ich in diesen Tagen von der langjährigen Kammerfrau meiner Frau,die heute noch in unseren Diensten und von dem Tage nicht mehr fern ist,an dem sie auf fünfzig Jahre in unserem Hause zurückschauen kann. Inihrer Hingabe, ihrer Umsicht und Opferfähigkeit ersetzte sie jede Berufs-pflegerin. Frau Luise Cholin, von meiner Frau mehr als Freundin denn alsDienerin behandelt, ist ein seltener Charakter. Unermüdlich in Pflicht-erfüllung, nur ihrem Dienste und ihrer Familie lebend, stellt sie den bestenTypus einer guten deutschen Frau dar, die sie, die Tochter des Breisgaues,auch gebbeben ist, nachdem sie Monsieur Chobn, unsern langjährigen Koch,geheiratet hatte.
Meine Ohnmacht war der ungewollte Anlaß für den poHtischen Tod desHolsteins Geheimen Rats von Holstein, der bis dahin so viele Stürme, alle FährnisseAbschieds- überstanden hatte. Sein Sturz beweist, daß der Krug in der Tat so lange zugesuch Nasser geht, bis er bricht. Er hatte sich, wie schon bemerkt, wie mit vielenanderen so auch mit dem Staatssekretär von Richthofen auf die Länge nichtvertragen können. Als mir am 17. Januar 1906 der Tod diesen ausge-zeichneten, klugen und treuen Mitarbeiter entrissen hatte, war es nichtleicht, einen Nachfolger zu finden, der gleichzeitig seinem Amt gewachsen,Seiner Majestät genehm und Holstein nicht zu ungenehm war. Der Kaiserlehnte sowohl Mühlberg wie Kiderlen ab, die übrigens Holstein beide auchnicht wollte. Seine Majestät wünschte seinen treuen „Mimile", wie er, ichweiß nicht weshalb, Tschirschky zu nennen pflegte. Holstein befürwortetemit Enthusiasmus diesen Wunsch Seiner Majestät, zu meinem Befremden,denn er pflegte im allgemeinen sich immer in Gegensatz zum Kaiser zustellen. Sein, wie oft, verschlungener Gedankengang war der folgende: