SEIN ABSCHIEDSGESUCH
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Tschirschky hatte sich als Botschaftsrat des Fürsten Radolin in St. Peters-burg sehr mit diesem angefreundet. Namentlich hatte sich Frau vonTschirschky in der Rolle einer Suivante der Fürstin Radolin gefallen.Holstein, der intime Freund des Ehepaars Radolm, glaubte deshalbTschirschkys völlig sicher zu sein. Diese Hoffnung scheiterte an der imAuswärtigen Amt berühmten Verbindungstür zwischen dem Zimmer desStaatssekretärs und dem des Geheimen Rats von Holstein, durch die derletztere bei jedem Anlaß, unangemeldet, hinter dem Rücken seines Chefseinzutreten pflegte. Marschall hatte sich das gefallen lassen. Da ich Zeitmeines Lebens gute Nerven gehabt habe, hatte es mich auch nicht weitergestört. Tschirschky schloß die Tür ab, da seine Nerven die fortgesetzteBedrohung, den finsteren Holstein unvermutet hinter sich zu fühlen, nichtertrugen. Als Holstein, durch diesen Ab- und Ausschluß schon gereizt,das Zimmer des Staatssekretärs durch die Korridortür betrat, mit einemgroßen Stoß Akten unter dem Arm, forderte ihn Tschirschky kühl undtrocken auf, die Akten auf den Tisch zu legen und zu warten, bis er gerufenwürde. Bei der Verzogenheit und Reizbarkeit von Holstein bedeutete diesden Bruch. Er reichte sofort seinen Abschied ein, war aber überzeugt, daßich die Annahme desselben verhindern würde. Während einiger Tage er-neuerte er fortgesetzt sein Abschiedsgesuch in an mich gerichteten Briefen,in denen er einen elegischen, fast weltschmerzlichen Ton anschlug. Er wollemir keine Schwierigkeiten bereiten und sehne sich nach Ruhe und Stille.Macchiavelli erzählt in seinem „Principe", Cesare Borgia habe ihm gesagt,er und sein Vater, der kluge Papst Alexander VI. , hätten alle Möglichkeitender Zukunft erwogen, nur die eine nicht, daß sie gleichzeitig sterben oderwenigstens schwer erkranken würden. Nun trat aber gerade dieser Fall ein.Alexander VI. wünschte sich einiger ihm unbequemer Kardinäle zu ent-ledigen. Zu diesem Zweck lud er sie zu einem Gastmahl ein, bei dem denBetreffenden vergiftete Speisen vorgesetzt werden sollten. Durch ein un-liebsames Versehen verwechselten die Diener die Teller, und die gefähr-lichen Gerichte wurden dem Papst und seinem Sohn gereicht. Der Papstselbst starb in der folgenden Nacht, die Riesennatur des Sohnes überwanddas Gift, aber er blieb mehrere Wochen an das Bett gefesselt. Inzwischenempörten sich die von ihm eroberten Städte und Schlösser der Romagna ,und die Herrschaft des Hauses Borgia brach zusammen. So hatte auchFritz von Holstein vieles wohl berechnet, aber nicht an den Fall gedacht,daß ich gerade in dem Augenblick erkranken und auf Grund ärztlicher An-ordnung für Rücksprachen und Akten unerreichbar werden könnte, in demsein Abschiedsgesuch sich in den Händen des mit ihm verfeindeten Staats-sekretärs Tschirschky befinden würde. Tschirschky benutzte die günstigeGelegenheit, um Holstein kaltblütig abzuwürgen.