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FERN DER ZENTRALE
Zukunft wird ja einmal eintreten, aber nicht mehr für mich. Sie solltenaber, sehr geehrter Herr Renvers, zusammen mit Bülow eine hygienischeReform für die oberen Zehntausend dadurch herbeiführen, daß es polizei-lich verboten würde, später als um 7 Uhr zum Diner einzuladen." Dieletztere Bemerkung war zutreffend. Die Unsitte später, lange dauernderund allzu reichlicher Diners war eine Kalamität, unter der die Börse derweniger bemittelten Staatsbeamten und die Gesundheit aller litten. Unterden gesundheitsschädlichen Folgen der Berliner Diners Htt ich weniger alsdie meisten meiner Kollegen, da ich mir seit meiner Ernennung zum Mi-nister eine strenge Diät auferlegt, Tabak, Kaffee, Bier und Liköre von einemTage zum anderen ganz abgewöhnt und den Weingenuß auf eine halbeFlasche Rotwein am Abend eingeschränkt hatte. Ich verband diese Diätmit täglichem, fünfunddreißig Minuten langem, strammem Turnen nach derbewährten Methode des biederen Dr. Schreber in Leipzig (Ärztliche Zimmer-gymnastik, Leipzig, Friedrich Fleischer). Insbesondere die von Schreber angeratene Übung Nr. 33 (Niederlassen bei festgeschlossenen Fersen, aufden Fußspitzen und mit senkrecht erhaltenem Rumpf) nehme ich bis inmein Greisenalter jeden Morgen 25 mal vor. Diese Lebensweise, verbundenmit täglichem Reiten bei guter Jahreszeit und einem mehrstündigen Fuß-marsch am Sonntag nachmittag hat mich nach menschlicher Berechnungvor dem Schicksal von Herbert Bismarck , Marschall, Richthofen, Kiderlenund manchen anderen bewahrt, die vor der Zeit aus dem Leben schiedenpour avoir brüle la chandelle par les deux bouts. Nicht umsonst mahnteJuvenal, der im sinkenden Rom reichliche Gelegenheit gehabt haben dürfte,die Wichtigkeit einer verständigen Hygiene zu studieren:
Mens sana in corpore sano.
Das soll natürlich nicht heißen, daß nicht auch in einem gebrechlichenLeibe eine feurige Seele und ein starker Wille leben können. Aber für Staats-diener wie für Staatslenker wird im allgemeinen die Sanitas des Körperseine Garantie für das Gleichgewicht der Seele wie für gute Nerven sein. Ichhabe mir oft den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, ob sich die vor-treffliche Einrichtung des englischen Weekend nicht bei uns einbürgernließe. Aber meine Anregungen scheiterten teils an der unübertrefflichenGewissenhaftigkeit und Arbeitsfreudigkeit des deutschen Beamten unterdem alten Regime, der mit dem großen jonischen Maler, mit Apelles ausKolophon, dem Grundsatz des „Nulla dies sine linea" huldigte, teils auchan der in Deutschland traditionellen Überschätzung der „Schreibe", anunserer Schreibewut.
Es liegt in der Natur der Dinge, daß der an der Zentralstelle mit Arbeitüberhäufte, fortgesetzt in Anspruch genommene, oft gestörte Minister