DER UMGETAUFTE BISMARCK-PLATZ
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kleine, an sich untergeordnete Symptome im öffentlichen Leben wenigerscharf beobachtet, als wenn er während einer auch nur kurzen Zeit der Ruheund Ausspannung die Zeitereignisse verfolgt. Ich erinnere mich des schmerz-lichen Eindrucks, den es mir machte, als ich bald nach meiner Ankunft inNorderney las, daß der Gemeinderat von Waldshut in Baden den dortigenBismarck -Platz in St.-Josefs-Platz umgetauft habe. Dazu hatte ein klerikal-partikularistisches Blatt, „Der badische Landsmann", geschrieben:„Bravo ! Es ist an sich ein Zeichen großer Charakterschwäche, daß bei unsim Badener Land Bismarck solche Verehrung genießt. Wir Badener solltenuns doch etwas mehr auf uns selbst besinnen und bedenken, daß Bismarck es war, der ad majorem gloriam Borussiae uns anno 1866 den blutigenKrieg aufgehalst und nachher verschiedene Silberlinge abgeknöpft hat.Mögen All- und Stalldeutsche Bismarcksäulen bauen und alljährlich am1. April, an dem man nichts ernst nimmt, darauf ihrem Götzen Bismarck ein Rauchopfer darbringen — wenn sie einen Stier oder besser einen (abervierbeinigen) Esel darauf brieten, wäre das Ganze noch natürlicher —, dasbadische Volk als solches hat keinen Teil daran." In welche abgrundtiefeGemeinheit, Dummheit und Vaterlandslosigkeit ließen solche Auslassungenbücken! War eine solche Sprache in Italien über Cavour oder Minghetti, inFrankreich über Thiers oder Gambetta, in England über Disraeli oderGladstone auch nur denkbar? Ja, Treitschke hat recht: Es gibt Niedrig-keiten, zu denen nur in Deutschland der Parteihaß hinabsteigt. Währendich diese Zeilen diktiere, liegt der Artikel eines deutschen Intellektuellenvor mir, des „Kunstschriftstellers" Julius Meier-Graefe , der in der „NeuenRundschau" vom September 1922 über die von ihm bei einem Ausflugenach Paris dort empfangenen Eindrücke schreibt: „Was vermochte einWeltkrieg gegen dieses Paris ! Es ist hundertmal schöner hier als früher, dawir um ebensoviel häßlicher geworden sind. Auch die Menschen sind nichtanders. Wie sollten sie? Wie könnten sie, selbst wenn sie möchten? Soll dieSprache der Racine, Stendhal und Flaubert plötzlich krächzen? Solldas Mädchen, das von Fouquet bis Renoir lächelnd gemalt wurde, aufeinmal Grimassen schneiden ? Kann die Place de la Concorde verschwinden ?Es war auch kein reizloses Vergnügen, wieder einmal richtigen Camembertzu essen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich die ersten drei Tage morgens,mittags und abends Camembert zu mir genommen habe. Dabei die Unter-haltung beim Essen in dem Ton, den es nur in Paris gibt!. . . Die Pazi-fisten sind den Parisern so etwas wie in der Kunst die Kubisten, die längstabgewirtschaftet haben. Auch von den sogenannten deutschen Greueltatenwird nicht mehr gesprochen. Legen wir den Krieg ad acta. Aber Reparieren,um Gottes willen, und n'en parlons plus. Der Rentner-Instinkt der Fran-zosen wird von uns gründlich unterschätzt. Auch er gehört zur franzö-