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DER „BRILLANTE SEKUNDANT"
sischen Kultur. Sie wollen nicht so arbeiten wie wir und habenrecht. Man kann der deutschen Regierung nicht dringend genug diesenWunsch ans Herz legen. Es gibt gegenwärtig keine ernstere Frage auf demGlobus." So schreibt ein deutscher Ästhet, während die Franzosen amdeutschen Rhein stehen, während sie uns den letzten Groschen abpressen,uns mit sadistischer Grausamkeit quälen, uns mit Füßen treten! Ja, esgibt eine Niedrigkeit der Gesinnung, die nur in Deutschland möglich ist!Wie anders der Franzose mit seiner von Eitelkeit nicht freien, aber darumnur um so leidenschaftlicheren Vaterlandsliebe, der Engländer mit seinemoft selbstsüchtigen, nicht selten heuchlerischen, aber robusten und uner-schütterlichen Patriotismus, der Italiener mit seinem Slancio, seiner feu-rigen Liebe zur Heimat!
Aber je mehr den tiefer und schärfer blickenden Vaterlandsfreund die
Wilhelm II. noch immer nicht überwundene Schwäche des deutschen Nationalgefühls,are der Mangel des Deutschen an patriotischer Selbstdisziplin, an nationalem
Goluchowski Ehrgefühl, oft genug selbst am einfachsten Geschmack, schon 1906 be-kümmern mußte, um so wünschenswerter war es, daß der Kaiser durchVernunft und durch Würde vorbildlich wirkte, daß er wenigstens sich keineBlößen gab. „II fallait ä l'Allemagne un chef grave, silencieux, constant etmesure", hatte im Frühjahr 1904 ein französischer Publizist, Henri deNoussanne, in einer Studie über Wilhelm II. geschrieben, an der auch anderefranzösische Schriftsteller beteiligt waren, die aus der Beobachtung deut-scher Zustände und Persönlichkeiten ihr Spezialstudium gemacht hatten,„mais le Destin a donne anx Allemands un maitre qui s'imagine que desparoles et des gestes suffisent ä conduire Ies hommes. Encore faut-ilapproprier les paroles et les gestes ä l'epoque et aux circonstances. Enreahte, aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie queGuiJlaume II." Kaum vierundzwanzig Stunden nach meiner Erkrankungim Reichstag hatte Wilhelm II. an den österreichisch-ungarischen Ministerdes Äußern, den Grafen Goluchowski, ein Telegramm gerichtet, das mit denWorten schloß: „Sie haben sich als brillanter Sekundant erwiesen undkönnen gleicher Dienste in gleichem Falle auch von mir gewiß sein." Dasim Ton allzu burschikose Telegramm rief durch seinen Inhalt in Wien Ver-legenheit, in Budapest Verwahrungen, in dem uns ungünstig gesinntenAusland Gelächter und ironische Kommentare hervor. Im Herbst solltemit der sogenannten Schwarzseher-Rede eine noch ärgere Entgleisungfolgen. Ich machte den Kaiser brieflich darauf aufmerksam, daß ich beider Wiedereröffnung des Reichstags im Spätherbst Mühe haben würde,sein Sekundanten-Telegramm zu vertreten. Der Kaiser ging auf die Sachenicht weiter ein, aber am 18. Juni traf er unvermutet zur See in Norderney bei mir ein. Er hätte mich am liebsten ganz unerwartet überrumpelt, da