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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BÜLOW AN DEN KRIEGSMINISTER

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gegen uns haben sich zwar verringert, sind aber noch nicht endgültig über-wunden. In Frankreich ist die Revanche-Idee, der Gedanke nicht nur an dieWiedereroberung von Elsaß-Lothringen, sondern auch an eine Genug-tuung für die vor fünfunddreißig Jahren erlittenen Niederlagen und dieWiedergewinnung der leitenden Stellung in Europa, die Frankreich vonHeinrich IV. bis Napoleon III. , also zweihundertsiebzig Jahre, eingenom-men hat, nicht erloschen. Die russischen Verhältnisse sind unberechenbar.Die in Rußland anscheinend mehr und mehr emporsteigende demokratisch-revolutionäre Richtung ist antideutsch, teils wegen ihrer Hinneigung zu denpanslawistischen Strömungen, teils weil sie in dem deutschen Kaiserreichund in der preußischen Monarchie im Gegensatz zu dem radikal-demokra-tischen Frankreich und dem konstitutionell-liberalen England einen Hortder ihr verhaßten monarchisch-konservativen Ordnung sieht. Von unserenBundesgenossen war der eine (Italien ) ein nie ganz sicher einzuschätzenderFaktor, der andere (Österreich-Ungarn ) wird im besten Fall noch lange mitschweren inneren Problemen zu kämpfen haben. Unter diesen Umständenist es unsere heilige Pflicht, nichts zu verabsäumen, damit die Nation, wennfrüher oder später sich ein Ungewitter über uns entladen sollte, diesem sowohlgerüstet entgegensieht, als dies zu erreichen nur immer in unsererKraft steht. Wie eintretendenfalls die Würfel auf dem Schlachtfelde fallen,steht in Gottes Hand. Aber wir sind vor Gott und der Geschichte dafürverantwortlich, daß hinsichtlich der technischen Ausrüstung der Armeenichts verabsäumt wird, damit das deutsche Volk, wenn es den Kriegspfadbeschreiten muß, dies in tadelloser und lückenloser Rüstung mit allenChancen des Erfolges tut. Es ist ein militärischer Laie, der zu Ihnen spricht.Deshalb kann ich natürlich nicht auf Einzelheiten eingehen, und auch fürdie nachstehenden Fragen erbitte ich die Nachsicht eines so kompetentenMilitärs, wie Sie es sind. Welche militärischen Maßnahmen technischerNatur könnten unsererseits in Betracht kommen als Gegenmaßregeln gegendie französischen Maßnahmen und Anstrengungen ? Brauchen wir nicht mehrMaschinengewehre? Ist eine schnellere Umbewaflhung der Artillerienicht notwendig ? Wie steht es mit der Ausgestaltung der Verkehrstruppen ?Mit der Bespannung der schweren Artillerie des Feldheeres? Mit den lenk-baren Luftschiffen? Mit einer praktischeren, mehr als jetzt auf den Ernst-fall berechneten, lediglich nach kriegerischen Rücksichten und Erwägungenausgewählten Uniformierung der Armee? Was nun die taktische Be-handlung einer eventuellen Vorlage angeht, so empfiehlt es sich natürlich,zu vermeiden, was im Auslande Mißtrauen oder auch nur unnötiges Aufsehenerregen könnte. Wir müssen in dieser Beziehung den Franzosen nach-ahmen, die ihre Rüstungen in aller Ruhe und Stille vornehmen. Also keineprovozierenden Reden, keine gegen irgendeine Macht besonders ihre Spitze

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