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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER TRADITIONSGEIST

richtenden Agitationen, keine hoch- oder auch nur rein-politischen Argu-mente, überhaupt keinen unnötigen Lärm. Von der eventuellen Forderungmuß vorher und namentlich jetzt unmittelbar nach Annahme der Finanz-vorlage im Reich möglichst wenig die Rede sein, sonst setzt die Gegen-agitation ein. Die Forderung muß seinerzeit so ruhig als nur irgend möglichvertreten werden, mit technischen Argumenten. Ich bemerke noch aus-drücklich, daß Seine Majestät der Kaiser von diesem Brief nichts weiß."Abschrift des vorstehenden Schreibens ließ ich dem Generalstabschef vonMoltke zugehen, dem gegenüber ich mich schon wiederholt mündlich imgleichen Sinne ausgesprochen hatte.

Meine Mahnungen und Warnungen waren nicht allein durch die krampf-haften militärischen Anstrengungen namentlich der Franzosen hervor-gerufen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Bedeutungder Technik in unserem Heer unterschätzt würde. Solche Denkweise hatte1870 bei Mars-la-Tour und Saint-Privat Offizieren und Mannschaften derpreußischen Garde Gelegenheit geboten, einen persönlichen Heldenmut zubetätigen, wie ihn die Welt seit Leuthen und Möckern nicht mehr gesehenhatte, aber auch zu schweren, in diesem Umfange nicht erforderlichen Ver-lusten geführt. Übertriebener Konservativismus, allzu strenges Festhaltenan alter Tradition, Abneigung und Mißtrauen gegen alles Neue verhindertenwährend der auf zwei siegreiche Kriege folgenden, fast halbhundertjährigenFriedensperiode, daß aus den Erfahrungen von 1870 die richtigen Lehrengezogen wurden, obschon Graf Alfred Schlieffen mit der Feder und mit demWort dazu angeregt hatte. Auf seinen Manövern hatte Wilhelm II. nur zuoft Gefechtsbilder vorgeführt, die auf Verkennung der Grenzen beruhten,welche die moderne Waffenwirkung dem Vorgehen nicht allein der Ka-vallerie, sondern auch der Infanterie zieht. Der Mangel an technischemVerständnis und Empfinden zeigte sich auch auf artilleristischem Gebiet,nicht nur in unserer Artillerietaktik, sondern auch in der Anschauungsweisedieser Waffe, die sie einerseits zu einer Überschätzung des Furor Teutonicusverführte, andererseits zu unzutreffender Einschätzung der Bedeutung dertechnischen Leistungsfähigkeit wie des großen Unterschieds zwischenManöverbildern und kriegsmäßigen Verhältnissen. In keinem anderenHeer herrschte ein so schöner kameradschaftlicher Geist wie in der deut-schen Armee. Es fehlte aber auch nicht an schädlichen Vorurteilen. DieKavallerie galt manchen für die eleganteste Waffe, für die ritterliche Waffepar excellence, die Infanterie für die entscheidende, dann erst kam für vieledie Artillerie, aus der doch ein Napoleon hervorgegangen war. Die eigent-lich technischen Truppen wurden in einen für sie nicht schmeichelhaftenGegensatz zu denkämpfenden Truppen" gebracht, die hohe Wichtigkeitdes Trains nicht nach Verdienst gewürdigt, und die Müitärtechnische