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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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FLOTTE UND ARMEE

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Akademie führte den SpitznamenSchlosserakademie". Solche Wahr-nehmungen, Erwägungen und Sorgen veranlaßten mich, von dem sonstfestgehaltenen Grundsatz der Nichteinmischung in militärische Angelegen-heiten in diesem Fall abzusehen.

Ich hatte noch einen besonderen Grund zu meinen Vorstellungen beimKriegsminister wie beim Chef des Generalstabs. Ich hatte den Ausbauunserer Flotte im preußischen Staatsministerium wie im Bundesrat eifriggefördert. Ich hatte im Reichstag und im Lande mit Erfolg Stimmung fürdie Marine gemacht. Niemand hat das wärmer und lebhafter anerkannt alsTirpitz während und nach meiner Amtszeit. Aber ich verkannte nicht dieGefahr, daß bei der starken Persönlichkeit von Tirpitz und seiner rastlosenEnergie, die naturgemäß mit einer gewissen Einseitigkeit verbunden war,gegenüber der Flotte die Armee zu kurz kommen könnte. Auch deshalbhabe ich mich vom ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung gegen-über dem Kriegsministerium bereit erklärt, jede notwendige und nützlichemilitärische Forderung jederzeit vor dem Reichstag und vor dem Lande zuvertreten, und zwar usque ad effusionem sanguinis, d. h. in diesem Falle biszur Reichstagsauflösung mit allen ihren Konsequenzen. Die felsenfesteÜberzeugung, daß auf den Schultern der Armee im letzten Ende der Be-stand des Reichs und die Zukunft des deutschen Volks und des Deutsch-tums beruhten, war es, die mich veranlaßte, gegenüber Kriegsminister undGeneralstab auf gewisse Vorurteile und Selbsttäuschungen hinzuweisen,die bei so vielen leuchtenden Vorzügen unserem Heer, richtiger gesagt dempreußischen militärischen Denken, eigentümÜch waren.

Einige Tage nachdem ich dem Kriegsminister geschrieben hatte, richteteich an meinen Bruder Alfred, der nach kurzem Zusammensein mit mir in Bülow anNorderney bei seiner Schwiegermutter, der Gräfin Dillen-Spiering, auf seinen Bruderihrem Schloß Dätzingen, im Herzen Schwabens, im Oberamt Böblingen , Alfredweilte, den nachstehenden Brief, in dem ich Stellung zu der exzessivenKritik nahm, die von alldeutscher Seite an der Algeciras -Akte geübtwurde:

Liebster Alfred, vor allem möchte ich Dir sagen, wie sehr ich mich überDeinen Besuch gefreut habe. Unsere schönen Spaziergänge am Meer undam Watt, unser Gedankenaustausch über so manche Fragen und Problemehaben mir wohlgetan. Mit wem könnte ich offener reden als mit meinemfast gleichaltrigen Bruder? Seit des armen Adolf zu frühem Tode bist Du jader einzige, mit dem mich Erinnerungen seit unserer Kindheit verbinden.Es war mir eine Genugtuung, daß auch Du der Ansicht bist, wir hätten inAlgeciras erreicht, was vernünftigerweise zu verlangen und zu erlangen war.Gewiß hätten wir, wenn S. M. nicht zum Schluß nervös geworden wäre, ineiner Reihe von Einzelpunkten noch mehr erreichen können. Aber wir haben