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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER KREDIT IN DER WELT

Kenntnis der internationalen Beziehungen, ohne tiefere Einsicht in diewirkliche Weltlage, ohne Überblick über das komplizierte Schachbrett derauswärtigen Politik durch törichte Hetzartikel mit nervöser, tendenziöser,hysterischer Kritik einzugreifen in die Speichen des Rades der auswärtigenPolitik, lähmt die Aktion des Landes nach außen, diskreditiert und schwächtdas Land nach außen. Der Kredit, den ein Land in der Welt genießt, mußgeschont werden, ihn ohne Not zu erschüttern, ist leichtfertig und kannruchlos sein.

Wenn wir also wegen jener eben genannten Zwischenfälle in Samoa undan der ostafrikanischen Küste nicht Krieg führen wollten, so blieb unsnoch ein zweiter Weg, den wir auch nicht eingeschlagen haben, nämlichdie Dinge ihren Lauf gehen zu lassen und still nach Haus zu gehen, unshöchstens auf Proteste zu beschränken. Mit leeren Protesten ist aber der aus-wärtigen Pobtik selten, mit Maulheldentum nie gedient, und auch mit derlauten ,Entrüstung' nicht. Es bleibt der dritte Weg, nämlich: durchdiplomatische Verhandlungen das möglichste für uns herauszuschlagen,unter entschiedenem Festhalten an unseren Rechten und mit geschickterVertretung unserer Interessen unseren Standpunkt zu verteidigen. Indemich dies tat, glaube ich nicht nur das klügste getan zu haben, was man tunkonnte, sondern das einzige, was den dauernden Interessen des deutschenVolkes entsprach. Auf diese Art haben wir seinerzeit die Angelegenheit derbeschlagnahmten Dampfer in einer für uns zufriedenstellenden Weiseerledigt. Was Samoa angeht, so haben wir schließlich Upolu mit Apia bekommen und auch in dieser Frage das reale Interesse des deutschenVolkes erfolgreich wahrgenommen. Einen anderen Leitstern als das realedauernde Interesse der Nation wird es für mich nie geben. Deshalb machenmich auch die Vorwürfe und das Geschrei der Alldeutschen nicht irre.Denn wer diesem Leitstern folgt, der behält schließbch doch recht. Wasnun unser jetzt wieder viel erörtertes Verhältnis zu England angeht, somißbilligt die Mehrheit des deutschen Volkes, das ein gebildetes und zivili-siertes Volk ist, die plumpen und rohen Gehässigkeiten, zu welchen leiderauch bei uns die Sympathiekundgebungen für die Buren geführt haben.Diese Mehrheit erkennt willig an, daß, wenn die Buren für Haus und Hofwacker gekämpft haben, das engbsche Heer, Offiziere und Soldaten, seinenalten Ruf der Tapferkeit und Ausdauer bewahrt hat und daß die engbscheNation während des Südafrikanischen Krieges eine Zähigkeit, eine Ent-schlossenheit und eine Vaterlandsliebe an den Tag gelegt hat, die zu ver-kennen kleinlich wäre und die ich uns eintreffendenfalls wünsche. Dieneuerfichen Hetzereien der englischen Presse gegen uns sind natürlichebenso verwerflich und ebenso töricht, wie es früher diejenigen der deut-schen Presse gegen England waren. Vor allem aber begreift die Mehrheit