VERBRECHERISCH UND STUPIDE
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des deutschen Volkes, daß die Regierung nicht die Aufgabe hat, die Vor-iehung auf Erden zu spielen, wie ihr das der grübelnde deutsche Doktri-narismus immer wieder zumutet. Sie hat auch keine Sittenpolizei auszu-üben, wie dies die zu ethischer Betrachtungsweise geneigte öffentlichedeutsche Meinung möchte. Die deutsche Regierung hat ledigüch die blei-benden Interessen des Reichs zu vertreten. Das habe ich getan, und damithabe ich mich um das Land verdient gemacht. Eine andere Politik hätte,das sage ich Dir mit der größten Bestimmtheit, die Sicherheit des Reichesgefährdet. Sie würde vielleicht die Gefahr eines Weltkrieges herauf-beschworen haben. Ohne Grund das Land solchen Eventualitäten auszu-setzen, war nicht meine Sache. Solange ich Kanzler bin, werde ich, unbe-kümmert um ungerechte Angriffe, unbeirrt durch Verdächtigung undVerkennung, gleichgültig für den Civium ardor prava jubentium wie fürden Vultus instantis tyranni nur die Wege wandeln, die die Zukunft desdeutschen Volkes nicht gefährden. Mit dem mir anvertrauten Pfund dernationalen Wohlfahrt, Ehre und Zukunft spiele ich nicht va banque, dazubin ich zu gewissenhaft und zu patriotisch, dazu bin ich auch zu klug.
Die Politik eines großen Landes kann nicht nach Sympathien undAntipathien, sondern nur im Hinblick auf die allgemeine Weltlage geführtwerden. So einfach und leicht ist unsere Stellung in Europa und in derWelt denn doch nicht, daß wir uns den Luxus gestatten könnten, unpoliti-schen Gefühlswallungen nachzugeben. Eine von innerpolitischer Tendenzbeeinflußte auswärtige Politik, wie sie bei uns manche Konservative,Agrarier, auch nationalliberale Industrielle gegenüber England möchten,wie sie Demokraten und Sozialdemokraten gern gegenüber Rußland sähen,ist immer falsch. Um das Schiff des Reiches zwischen Klippen in Süd undNord, in Ost und West hindurchzusteuern, dazu bedarf es der Abwesenheitvon vorgefaßten Meinungen, von jeglicher Sentimentalität, eines klarenKopfes und einer ruhigen Hand. Ich wünsche mit England in guten Be-ziehungen zu bleiben, im Zeichen der Gleichberechtigung und auf der Basisvoller deutscher Selbständigkeit. Als Festlandsdegen Englands dürfen wiruns nicht mißbrauchen lassen, am wenigsten gegen Rußland . Unser Ver-hältnis zu einem großen Reich wie England muß mit nationalem Selbst-bewußtsein, es muß aber auch mit ruhiger Vernunft, ohne unklare Leiden-schaften behandelt werden. Die Stimmung des deutschen Volkes gegenEngland zu erbittern, immer und überall gegen England zu hetzen, kleineVerstimmungen anzublasen, damit womöglich ein Feuer daraus entsteht,ist nicht nur verbrecherisch, sondern auch stupide. Wir haben gar keinenAnlaß, uns in eine Erbfeindschaft mit England zu bringen, so zu England zu stehen, daß wir von vornherein sicher sind, es bei jeder politischen Kon-stellation unter unseren Gegnern zu wissen. Wenn historische Notwendig-