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DIE REICHSVERDROSSENHEIT
keiten, der Gang der Weltgeschichte, was die Griechen die ,Ananke'nannten, zwischen zwei Völkern ein solches Verhältnis herbeiführen, wiees zwischen uns und Frankreich nun einmal der Fall ist, so muß man das inKauf nehmen, wie man elementare Ereignisse mit in Kauf nimmt. Aber sichkünstlich einen mächtigen Gegner zu schaffen — ich wiederhole —: dasist ruchlos und dumm. Wir haben zahlreiche Berührungspunkte mit Eng-land. England ist für unsere Ausfuhrindustrie der größte Abnehmer und derbeste Zahler. Es hat uns bisher seine Häfen und seinen Handel eröffnetwie seinen eigenen Angehörigen. Wir streiten gemeinsam mit England fürHandelsfreiheit in fremden Ländern. Gewiß gibt es Punkte, wo zwischenDeutschland und England Friktionen denkbar wären, es gibt sogar Fragen,wo es gegenseitigen Entgegenkommens bedarf, um Reibungen zu vermeiden.Es gibt aber nach meiner Ansicht keinen Punkt, wo sich bei gegenseitigemgutem Willen, mit Ruhe und dem nötigen doigte nicht zwischen deutschenund englischen Interessen auf einer friedlichen und gerechten Basis einAusgleich finden ließe. Das ist meine wohlerwogene Überzeugung.
So lange ich am Steuer stehe, werde ich festhalten an meiner bisherigenPolitik. Wenn wir Rußland nicht durch Kokettieren mit den Polen miß-trauisch machen, ihm nicht an den Dardanellen, dem Herzstück des Bis-marckschen RückVersicherungsvertrages, entgegentreten und wenn wir imOrient die habsburgische Monarchie von abenteuerlichen Ak-tionen gegen die Balkanvölker (Rumänien, Montenegro, Serbien ) ab-halten, Aktionen, von denen ehrgeizige k. und k. Generalstäbler und hitzigeMagyaren träumen, die dem alten Kaiser Franz Josef aber im Grund garnicht Uegen und seinem antiungarischen, slawophilen Thronfolger auchnicht, Aktionen, die Rußland nach seiner Geschichte und seinen Tradi-tionen nicht zulassen kann, so sehe ich keinen Grund, warum wir nicht denFrieden bewahren sollten, dessen Aufrechterhaltung in unserem Interesseliegt. Den Frieden zu erhalten, wäre unsere erste Aufgabe und wäre für unsein Bedürfnis, sagte vor genau vierzehn Jahren Bismarck, den ich nocheinmal zitieren will, zu schwäbischen Verehrern, die ihm in Friedrichsruh huldigten (vielleicht waren Dätzinger und Böblinger unter ihnen). Das giltauch heute für unsere Politik.
Noch ein Wort über die ,Reichsverdrossenheit'. Ich verstehe es, wenn dieSozialdemokraten mit der Feder und dem Munde bestrebt sind, solcheReichsverdrossenheit zu züchten. Das liegt in ihrem Programm, in ihremWesen. Die Unzufriedenheit ist der Nährboden, ohne den sich der Bazillusder Sozialdemokratie gar nicht entwickeln kann. ,Die verdammte Zu-friedenheit!' meinte, von seinem Standpunkt mit Recht, schon FerdinandLassalle . Was ich weniger verstehen kann, ist die Hypochondrie und Nörgel-wut, mit der NichtSozialdemokraten und Patrioten par excellence hinter