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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIEWAHREN" PATRIOTEN

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jedem, auch dem unbedeutendsten Vorfall her sind, um unsere Zuständeschwarz in schwarz zu malen. Und das sage ich mit aller Bestimmtheit,daß solche Gehässigkeiten und Übertreibungen von nationaler Seitemindestens ebenso schädlich wirken wie die sozialdemokratischen Treibe-reien und Tiraden. Je mehr nach oben das Vertrauen untergraben wird,desto mehr Sozialdemokraten entstehen unten. Wie soll uns das Auslandachten, wenn diejenigen, die sich bei uns als die wahren Patrioten, als dieHüter des vaterländischen Feuers betrachten und aufspielen, sich gar nichtgenug tun können im Herunterreißen unserer Verhältnisse, im Nachweisenvon Mißerfolgen und mit wahrer Wollust jeden Fehler aufbauschen, immeralles in pejus drehen und hinstellen ? Dieses Sichselbsterniedrigen und Sich-zerfleischen ist eine Krankheitserscheinung, deren Verbreitung sich leiderauf Deutschland beschränkt. Nur der deutsche Vogel beschmutzt in dieserWeise sein Nest. Wo findest Du das anderswo ? Gibt es nicht auch anderswoUnvollkommenheiten, Fehler und Mißstände in Hülle und Fülle?! Siewerden aber nicht derartig in die Öffentlichkeit gezerrt, nicht in so künst-licher Vergrößerung vorgeführt wie bei uns. Ich denke bisweilen an dasWort von Treitschke, der Deutsche im Inland möge für deutsche Zuständenur einen kleinen Teil des Verständnisses zeigen, das der Deutsche im Aus-land so gern ausländischen Zuständen entgegenbringt. Sieht es im Auslandwirklich so viel besser aus als bei uns? Ich möchte die Konservativensehen, wenn sie plötzlich nach den Vereinigten Staaten versetzt würden,oder die Herren vom Zentrum im kirchenfeindlichen Frankreich oder dieHerren Sozialdemokraten nicht nur in Rußland, sondern auch in England und Italien , wo es kein allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Wahlrechtgibt, in Frankreich , wo noch immer die Einkommensteuer nicht existiert,in Amerika , wo man mit den Schülern von Marx wenig Federlesen macht.Wenn das Ausland uns nach unserem eigenen Urteil über unsere innerenZustände beurteilt, so muß es einen schönen Begriff von uns bekommen.Was soll man dazu sagen, wenn große deutsche Blätter, von dem Spieß-bürger auf der Bierbank gar nicht zu reden, über den angeblichen deutschen^Militarismus' sich das Maul zerreißen, während die Franzosen , die ich fastebensogut kenne wie meine eigenen Landsleute, im Grunde, im innerstenKern viel militaristischer sind als wir! Was soll das Geschrei Uber dendeutschen Imperialismus', der im Vergleich zu dem englischen Im-perialismus und Marinismus sehr harmlos ist! Wir liefern durch unsereübertriebene, ungezügelte Selbstkritik fortgesetzt dem Ausland Waffen,und wirksame Waffen, gegen uns.

Ich bin mehr in die Länge und Breite gegangen, als dies ursprünglichmeine Absicht war. Das kommt vom Diktieren! Der ,Diktator' wird gar zuleicht redselig und weitschweifig. Vielleicht macht sich auch bei mir schon