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NOCHMALS DIE SEKUNDANTENDEPESCHE
das Alter bemerkbar. Ich habe zwar noch nicht wie Nestor drei Menschen-alter gesehen, aber mit siebenundfünfzig Jahren beinahe zwei. Übrigensglaube ich, daß die Gewohnheit des Diktierens, die ich vor einem Viertel-jahrhundert an der Pariser Botschaft annahm, auch ihr Gutes hat. Ichglaube fast, daß ich die Leichtigkeit, mit der ich aus dem Stegreif, unvor-bereitet öffentlich spreche, zum großen Teil der Gewohnheit des Diktierensverdanke. Das Diktieren zwingt dazu, die Gedanken rasch zu ordnen,schnell eine Disposition zu entwerfen, verführt allerdings zu allzu reich-lichem Redefluß. Nun aber: Claudite jam rivos, pneri, sat prata biberunt!Mit diesem Wort des alten Palaemon in den Eklogen des Virgil schloßwährend meines ersten römischen Winters 1874/75 ein glänzender Redner,Marco Minghetti, eine Rede, der ich als junger Attache bewunderndlauschte. Ich hatte merkwürdigerweise, bevor ich selbst im Reichstag redenmußte, außer Minghetti nur vier parlamentarische Redner gehört. AlsPrimaner hörte ich Bismarck, der am 1. April 1867 die BennigsenscheInterpellation über Luxemburg beantwortete. Ich stand im Hintergrund derdiplomatischen Loge, in die unser Vater, damals mecklenburgischer Ge-sandter in Berlin , mich eingeschmuggelt hatte. 1875 hörte ich, wie eben er-wähnt, Minghetti, den Stiefvater von Marie, den sie so sehr liebte undverehrte. 1879 hörte ich in Paris, oder vielmehr in Versailles , wo damalsnoch das französische Parlament tagte, Gambetta, Leon Say und Dufaure.Als ich 1897 im Reichstag zum erstenmal sprach, stand mir Leon Say vorAugen mit seiner ruhigen, sicheren, klaren Art zu reden. Vale ac me ama.Bhd."
Wenn ich heute diesen im Jahre 1906 an meinen Bruder gerichtetenBrief, in dem ich zusammenfaßte, was ich in vielen Unterredungen mitdeutschen Politikern und Publizisten, was ich zum Teil auch im Reichstagausgeführt habe, wieder vor mir sehe, so berührt mich die ÄußerungRoosevelts, der damals noch als deutschfreundlich gelten konnte, wahrhafttragisch. Deutschland hat acht Jahre später, als es zur Verteidigung seinerExistenz zu den Waffen griff, die öffentliche Meinung der gesamten Weltvon vornherein gegen sich gehabt. Das deutsche Volk ist, um mit Rooseveltzu sprechen, weit über jede Berechtigung hinaus für den Weltkrieg undseine Folgen verantwortüch gemacht worden. Und es wird mit einer in derWeltgeschichte noch nie gesehenen Brutalität bis aufs Blut für Entschädi-gungen ausgebeutet, zu denen es sich mit abgepreßter Unterschrift ver-pflichten mußte.
Die mindestens unvorsichtige Sekundantendepesche an Goluchowski Brief Bülows und manches, was ich in der gleichen Richtung aus Berlin hörte, ließen esan den Kaiser m ; r nützlich erscheinen, dem Kaiser, der seit unserer durch meine Er-krankimg herbeigeführten räumlichen Trennung seinen selbstherrlichen