PRIVATISSIMUM FÜR DEN KAISER
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Trieben neuerdings wieder allzusehr die Zügel schießen ließ, ein historisch-politisches Privatissimum zu lesen. Noch ein anderer Vorfall hatte mir zudenken gegeben. Bei dem gnädigen Besuch, mit dem mich Wilhelm II. inNorderney beehrt hatte, war mir in der langen Unterredung, die SeineMajestät mit mir führte, eine Äußerung besonders aufgefallen. Als ich denMut und die Einsicht des neuen russischen Ministerpräsidenten Stolypin wie des eben zurückgetretenen Finanzministers Witte rühmte, die zwar dieRevolution bekämpften, aber nicht die Rückkehr zum alten autokratischenSystem wollten, hatte der Kaiser nach kurzem Nachdenken gemeint: „Ja,gewiß, Stolypin und Witte sind klug und schneidig, aber mir scheint, daßsie doch mehr an Rußland denken als an den Zaren, ihren Herrn." Ichbenutzte für meine Admonition die günstige Gelegenheit, die mir dasGlückwunschschreiben bot, das ich anläßlich der Entbindung der Kron-prinzessin, am 17. Juli 1906, an Seine Majestät richtete.
In diesem Briefe riet ich zunächst Seiner Majestät, anläßlich der Taufedes Prinzen-Enkels in einer würdigen Kabinettsorder, wie sie Lucanus aus-zuarbeiten verstehe, dem deutschen Volk seinen Dank für den Anteil ab-zustatten, den alle Kreise an diesem erfreulichen Ereignis genommenhätten. Ich schlug vor, der Gesellschaft für die Bekämpfung der Säuglings-sterblichkeit, welche die Gründung eines Säuglingskrankenhauses betreibe,mit dem auch eine Forschungsstätte für Säuglingserkrankungen verbundenwerden solle, eine möglichst große Spende zukommen zu lassen. Ich empfahlweiter, den König Eduard um die Annahme einer Patenstelle bei dem Erst-geborenen des Kronprinzen zu bitten. Der König, der wie alle Koburgereinen ausgeprägten Familiensinn besitze, werde gern annehmen. „Lespetits cadeaux entretiennent l'amitie." Ich regte auch an, dem Präsidentender Vereinigten Staaten eine Patenstelle anzubieten. In der ersten Hälftedes 18. Jahrhunderts hätten bei der Taufe von preußischen Prinzen und,wie ich glaubte, speziell bei der Taufe Friedrichs des Großen, der Schult-heiß von Bern und die Niederländischen Generalstaaten Paten gestanden.
In dem bedeutungsvolleren Teil meiner Ausführungen ging ich von derLage der Dinge in Rußland aus. Die dortige Situation sei sehr ernst. Wirstünden vor dem Zusammenbruch des russischen autokratischen Systems,das während fast eines Jahrhunderts der Abscheu und nicht selten derSchrecken des demokratischen, andererseits die Hoffnung und bisweilendie Stütze des konservativen und monarchischen Europas gewesen wäre.Dieses System habe dem slawisch-tatarischen, dem asiatischen Kern desrussischen Wesens entsprochen, dem germanischen Empfinden wäre esimmer fremd geblieben. Der Germane sei individualistisch und freiheits-liebend. Als die germanischen Völker auf der Weltbühne erschienen wären,hätten sie Begriffe von Freiheit und Gleichheit gehabt, die an die heutigen