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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER STAAT BIN ICH"

amerikanischen Einrichtungen erinnerten. Als in Deutschland , im 18. Jahr-hundert, der absolutistische Gedanke vorübergehend die Oberhand ge-wonnen hätte, was übrigens unserer staatlichen Ausbildung und auch demkulturellen Fortschritt zugute gekommen wäre, habe es sich um eine Nach-äffung der Bourbons gehandelt, denen die deutschen Fürsten nicht nurihre Schlösser, sondern auch ihre Regierungsweise nachmachten. Und dabeidoch welch ein Unterschied zwischen Friedrich dem Großen und Lud-wig XIV. ! Der letztere sagt:L'Etat c'est moi"; der erstere:Je ne suisque le premier serviteur de l'Etat." Die Deutschen hätten seit jeher dasVerhältnis zwischen Fürst und Volk als ein gegenseitiges aufgefaßt: Treueum Treue. Der Kaiser selbst habe mich, als ich die Ehre gehabt hätte, mitihm der Aufführung desZar Feodor " durch eine übrigens exzellenterussische Schauspielertruppe beizuwohnen, darauf aufmerksam gemacht,daß die russische Unterwürfigkeit noch mehr der Institution als der Persondes Herrschers gelte. Darum verneige sich der Türke vor dem Thron, undder Chinese werde hingerichtet, wenn er nicht vor dem Bilde des Sohnesdes Himmels die Mütze ziehe. Alle solche Sitten und Vorstellungen wärendem Germanen von jeher unverständlich gewesen, der weder vom chinesi-schen Kotau noch von der byzantinischen Proskynese etwas wissen wolle.Welch ein Unterschied zwischen der trotzigen Haltung der Edlen vonBrabant in dem urgermanischenLohengrin" und der Kriecherei derBojaren imZar Feodor"! Ich betonte weiter, daß der Kaiser wohl darantue, gegenüber den inneren Vorgängen in Rußland Reserve zu beobachtenund sich in keiner Weise in die dortigen Vorgänge einzumischen. Das zuversuchen, würde die Wiederholung des groben Fehlers sein, den FriedrichWilhelm II. beging, als er bei Beginn der Französischen Revolution inFrankreich einrückte. Übrigens sei der jetzt regierende Zar von Mitschuldan der in Rußland herrschenden Gärung ebensowenig freizusprechen wiesein verewigter Vater. Ich fuhr fort:Beide haben die Zeichen der Zeit nichtzu erkennen vermocht. Sie glaubten, daß eine große Bewegung, wie es diefreiheitliche Bewegung in Rußland im Grund und trotz aller Auswüchsedoch ist, ohne Reformen noch rechtzeitige Zugeständnisse, nur durchPeitschenhiebe der Kosaken , Lanzen der Ulanen und Flintenschüsse derGrenadiere unterdrückt werden könnte. Das war ein verhängnisvollerIrrtum, nicht nur der Plehwe und Tscherewin, sondern auch zweier Zaren.Sobald nun ein unglücklicher Krieg kam, den gerade ein persönliches Re-gierungssystem nicht verträgt, erfolgte das Debäcle, das auch die schwereund strenge Hand Alexanders III. vielleicht hätte aufhalten, aber schwerlichvermeiden können. Dieses russische Debäcle erleichtert uns unter gewissenVoraussetzungen unsere auswärtige Lage. Andererseits wird aber dadurchder Unterschied in der Entwicklung der östlichen Monarchien mit derjenigen