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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE MONARCHIE

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der westlichen Staaten den Völkern ad oculos demonstriert. Das konstitu-tionelle und liberale England steht glänzend da, vor der amerikanischenRepublik öffnen sich gewaltige Zukunftsmöglichkeiten. Die von Sozialistenmitregierte Französische Republik genießt allgemeine Sympathien, und alleKönige geben sich in ihrer Hauptstadt Stelldichein. Auch in dem parla-mentarisch regierten Italien sieht es lange nicht so schlimm aus, wie manch-mal behauptet wird. Demokratische kleine Länder, wie Dänemark, Belgien ,Holland, Norwegen , erfreuen sich im Innern großer Blüte, während in derjahrhundertjährigen Hochburg monarchischer und konservativer Grund-sätze, in der altehrwürdigen habsburgischen Monarchie alles aus dem Leimgeht und in Rußland , das der unzerstörbare Hort streng autokratischer,militärischer und orthodoxer Grundsätze schien, Fundamente, Giebel undBalken wackeln." Auch für einen mächtigen und starken Monarchen werdedurch diese Entwicklung die Situation erschwert. Ich betrachtete diesenach wie vor nicht pessimistisch, aber nur unter der Voraussetzung, daßwir in unserer inneren Politik Festigkeit mit Umsicht und Vorsicht ver-bänden, mit einem Wort: unerschrocken, aber ruhig und insbesondere ver-nünftig operierten.Wer die Entwicklung der letzten hundert Jahre ge-wissermaßen ä vol d'oiseau überschaut, wird wieder in der alten Überzeu-gung bestärkt, daß die irdischen Dinge sich nicht in gerader Linie, sondernin Oszillationen oder wie Ebbe und Flut fortbilden. Die große französischeRevolution bedeutete einen ungeheuren Ruck nach vorwärts für die demo-kratischen Ideen und Ideale. Nach der Niederwerfung von Napoleon , dereinerseits der größte Soldat seiner Zeit, andererseits der Erbe der Revo-lution war, versuchten die wiederhergestellten alten Monarchien denStatus quo ante 1789 wiederaufzurichten, allerdings mehr mit reinenPrinzipien als mit Vernunft und Geschicklichkeit. Schon 1830 kam der ersteRückschlag, 1848 der zweite und stärkere. Dann kam mit und durch Bis-marck der ungeheure Umschwung von 1866 und 1870. Seitdem war dieAnsicht verbreitet, daß eine starke Monarchie mit tüchtigen Ministern mehrWert hätte als liberale Institutionen, demokratische Tendenzen und parla-mentarische Spielereien. Der gute alte Herr an der Donau und der liebens-würdige junge Herr an der Newa haben es durch eine Kette von Fehlern,Versäumnissen und Übereilungen fertigbekommen, daß jetzt wieder viel-fach geglaubt wird, das Heil läge doch mehr links als rechts." Darin säheich so lange keine Gefahr, als wir im Innern mit Vernunft und Ruhe,nach außen mit Ruhe und Geschicklichkeit regierten. Da ich die VorliebeSeiner Majestät für lateinische Zitate kannte, so schloß ich mit der War-nung, die in einer seiner besten Oden der kluge Quintus Horatius Flaccus der KaUiope zuruft:

Vis consilii expers mole mit sua!

18 Bülow II