DER ÜBERRUMPELTE DUKE
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zwischen den hohen Herren und ihren Ländern zum mindesten an Reibe-reien sich zugetragen hat, den Kaiser im eigenen Schloß, wenn nicht in dereigenen Residenz besuchen. Ich will mich nicht in Dinge mischen, die michnichts angehen, aber ich möchte nicht, daß die Welt hierüber wieder mitRecht ihre Glossen machen könnte. Warum kann der gute dicke Herr nichtbis Wilhelmshöhe fahren oder der Kaiser selbst in unserem HomburgerSchloß wohnen und ihn dort begrüßen? Dies kann ich nicht einsehen.Mit herzlichen Grüßen für Ihre Frau und besten Wünschen für Ihre Ge-sundheit Ihre herzbch ergebene A. Viktoria." Ich beruhigte die Kaiserinund ließ, nachdem der Besuch in Friedrichshof stattgefunden hatte, dieZusammenkunft in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" in einemfreundlichen Artikel kommentieren, der in England gut aufgenommenwurde.
Begegnung und Aussprache waren um so erwünschter gewesen, als sichwährend der Kieler Woche ein Zwischenfall ereignet hatte, der an und Der Kafür sich kaum der Erwähnung wert sein würde, der aber nicht ganz mit " n< * derUnrecht den Herzog von Connaught, einen in England in allen Kreisen ange- ^ erzo Ssehenen und behebten, dabei uns wohlgesinnten Prinzen, und seine Gattin,eine preußische Prinzessin, stark verschnupft hatte. Das Herzogspaar befandsich auf der Rückreise von der Taufe seines Enkels in Stockholm . Die eng-lische Jacht „Enchanteress", auf der der Herzog und die Herzogin reisten,war den Behörden des Kaiser-Wilhelm-Kanals zur Durchfahrt angezeigtund gleichzeitig die ausdrückliche Bitte ausgesprochen worden, in Kiel wegen Zeitmangels von Ehrenbezeigungen und Besuchen abzusehen. Daswar Seiner Majestät gemeldet worden. Trotzdem hatte der Kaiser, der sichzur Kieler Woche im Kieler Hafen befand, es nicht unterlassen können,sehr früh mit einer Pinasse nach dem Eingang des Kanals, nach Holtenau zu fahren, um selbst festzustellen, ob sein Onkel die im Hafen wehendeKaiserstandarte honorieren und ihm einen Besuch abstatten würde. DerKaiser faßte die „Enchanteress" in dem Augenblick ab, wo sie gerade indie Kanalschleuse einfuhr. Er kletterte sofort an Bord der englischen Jacht.Der Herzog war gerade dabei, sich zu rasieren, die Herzogin begann ihreMorgentoilette. Als sie beide, in dieser Weise überrumpelt, sich dem Kaiserzeigten, machte dieser ihnen gereizte Vorwürfe. Der Herzog erwiderte,er habe ja gar nicht gewußt, daß sein Neffe sich in Kiel befinde, was denIngrimm Seiner Majestät noch verstärkte. Wenn wir auch nicht mehr inden Zeiten leben, in denen ein Glas Wasser über Krieg und Frieden ent-schied, so ist doch leider nicht zu leugnen, daß Wilhelm II. durch eine immerwieder hervortretende Mischung von Zudringlichkeit und Empfindlichkeitsehr dazu beigetragen hat, sich fast allen fremden Höfen unangenehm zumachen und damit unsere Politik zu erschweren, bisweilen auch zu stören.