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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WER WIRD REGENT VON BRAUN SCHWEIG?

Bevor ich zu dem bedeutsamsten Vorgang des Jahres 1906, der amDie braun- 13. Dezember erfolgten Reichstagsauflösung, übergehe, möchte ich einigeschweigt.irhe andere Ereignisse vorwegnehmen, die in die zweite Hälfte dieses JahresFrage f a jj en- j3 # September starb infolge eines Schlaganfalls ziemlich uner-wartet Prinz AI brecht von Preußen, seit 1885 Regent von Braunschweig. Auf Grund des Gesetzes von 1879 konstituierte sich der Regentschaftsrat,der aus drei stimmführenden Mitgliedern des Staatsministeriums bestand,nämlich dem Staatsminister Dr. von Otto, dem Wirklichen GeheimratHartwig und dem Wirklichen Geheimrat Trieps, sowie aus dem Präsidentendes letzten Landtags und dem Präsidenten des herzoglichen Oberlandes-gerichts. Ich war in der Lage, dem Regentschaftsrat sogleich die Unter-stützung des Kaisers zu versprechen. Wie sehr unterschied sich diese, ausbewährten und ernsten Männern gebildete provisorische Regierung vondem Triumvirat lächerlicher und unwürdiger Gestalten, die nach der No-vemberrevolution in der alten Weifenstadt die Zügel an sich rissen. An derSpitze des Braunschweigischen Novemberministeriums stand bekanntlichHerr Sepp Orter, ein bayrischer Landstreicher, der sich bis dahin in Braun-schweig mit dem Stopfen von Matratzen durchschlug, übrigens vor seinerMinisterschaft im Gefängnis und sogar jahrelang im Zuchthaus gesessenhatte. Dieser würdige Ministerpräsident vertraute die Ministerialabteilungfür Volksbildung, das höhere Schulwesen und das Volksschulwesen einerHebamme an, was einerseits eine schöne Anerkennung der politischenGleichberechtigung der Frauen bedeutete, andererseits vielleicht als feineHuldigung für die Ars obstetricia gedacht war. Der Präsident der provi-sorischen Regierung von 1906, Herr von Otto, gehörte zu den ausgezeich-neten Verwaltungsbeamten, die unter dem alten Regime nicht nur Preußen,sondern auch allen anderen Bundesstaaten zur Zierde und zum Segen ge-reichten. In einer Unterredung, zu der ich den Minister von Otto nachBerlin gebeten hatte, frug ich ihn, ob der gegebene Nachfolger für denPrinzen Albrecht nicht dessen Sohn, der Prinz Friedrich Heinrich, seinwürde. Mit einiger Verlegenheit erwiderte mir der braunschweigischeStaatsminister, der älteste Sohn des verstorbenen Regenten passe nichtrecht nach Braunschweig, da er auf religiösem Gebiet zu ausgesprochenorthodox-pietistischen Anschauungen und Neigungen huldige. Als einigeZeit später Prinz Friedrich Heinrich wegen schwerer sittlicher Verirrungensich in das Privatleben zurückziehen mußte, wurde es mir klar, daß Herrvon Otto von dem moralischen Defekt des Prinzen wohl schon Wind hatteund ihn deshalb unter einem anderen Vorwand ablehnte. Prinz FriedrichHeinrich, der persönlich einen tüchtigen und dabei bescheidenen Eindruckmachte, war nicht nur in dem von ihm kommandierten Regiment, denberühmten, 1689 von Markgraf Georg Friedrich errichteten Schwedter