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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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GROLL GEGEN CUMBERLAND

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Dragonern, geachtet und beliebt, sondern auch in Berliner gelehrten undgebildeten Kreisen, vor allem in den Kreisen der Geistlichen. Er wurde, alsseine Verirrungen ans Tageslicht kamen, aus der Armee ausgestoßen, derHof wurde ihm verboten und ihm der Schwarze Adlerorden entzogen,den er wie alle preußischen Prinzen mit zehn Jahren erhalten hatte. Alsder Weltkrieg ausbrach, bat der Prinz um Wiederanstellung in der Armee.Er erhielt die Erlaubnis, als Gemeiner wieder einzutreten. Er wurde, ob-wohl er sich vor dem Feinde brav hielt, nicht befördert. Er faßte seinenDienst so ernst auf, daß, wenn sein ehemaliger Bursche vorbeikam, der esim Gegensatz zu seinem Herrn im Felde zum Gefreiten brachte, er vor ihmstramm stand. Man kann dem alten Begime nicht abstreiten, daß es sitt-lichen Verfehlungen mit berechtigter Strenge entgegentrat.

In der braunschweigischen Frage hat Wilhelm IL, den Philipp Eulen-burg nicht ohne Grund Wilhelm-Proteus zu nennen pflegte, viele Wand-lungen durchgemacht. Bevor die Verfehlungen des Prinzen Friedrich Hein-rich bekannt wurden, wünschte der Kaiser dessen Sukzession. Dann dachteer daran, für seinen eigenen Sohn, den Prinzen Eitel Friedrich in Braun-schweig eine hohenzollernsche Sekundogenitur zu errichten. Vorübergehendkam ihm auch der Gedanke, Braunschweig zu annektieren und mit derProvinz Hannover zu vereinen. Schließlich hat Wilhelm II. bekanntlichseine einzige Tochter mit dem Prinzen Ernst August von Cumberland ver-mählt und dann das junge Paar auf den Thron Heinrichs des Löwen gesetzt.Die Heirat der Kaisertochter war das Siegel auf die Aussöhnung der Hohen-zollern mit den Weifen, die schon den Hohenstaufen eine hartnäckigeOpposition gemacht hatten. 1906 war man von einer solchen Aussöhnungnoch weit entfernt. Damals zürnte der Kaiser dem Herzog von Cumberlandnicht nur, weil dieser dauernd an seinen Ansprüchen auf Hannover fest-hielt, sondern auch weil er den Wunsch des Kaisers und noch mehr derKaiserin, die Hand zur Verbindung einer seiner Töchter mit dem Kron-prinzen von Preußen zu bieten, nicht ohne Unfreundlichkeit abgelehnthatte. Darüber schrieb mir Philipp Eulenburg , der sich wieder in der Um-gebung Seiner Majestät befand:Die braunschweigische Frage hat, wie Duja spürtest, einigermaßen aufgeregt, und die Heftigkeit, mit der gegen denHerzog von Cumberland getobt wurde, erklärst Du Dir leicht aus der Ver-geblichkeit des aus kaiserlicher Initiative zurückgezahlten Weifenfonds undder Brautbewerbungsabsage. Doch dauerte die Aufregung nur kurze Zeit,da die ungeschickte Passivität des unglücklich veranlagten Herzogs vollbefriedigte. Als gestern das Schreiben des Herzogs an den Kaiser anlangte,in dem dieser Seiner Majestät mitteilt, daß er und sein ältester Sohn PrinzGeorg Wilhelm ihre Bechte auf die Begierung im Herzogtum auf denjüngsten Sohn des Herzogs, den Prinzen Ernst August , übertragen hätten,