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entschuldigte, daß er geglaubt hätte, durch das, was er über den Bruchzwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck veröffentlicht habe,Seiner Majestät zu nützen. Ich bemühte mich vor allem, die Einleitungeiner Disziplinaruntersuchung gegen den Prinzen zu verhüten, nicht nuraus Pietät gegen das Andenken seines Vaters, sondern auch mit Rücksichtauf ihn selbst.
Der Kaiser war schwer zu beruhigen. Wenige Dinge waren ihm anti-pathischer als Publikationen über Souveräne und ganz besonders solcheüber ihn selbst, die in einer anderen Tonart als in einer sehr devoten, wennnicht byzantinischen und verhimmelnden, im Stüe Schiemann oder Har-nack, gehalten waren. Darüber habe ich mit Seiner Majestät manches inter-essante Gespräch geführt. Am liebsten wäre dem Kaiser ein Gesetz gewesen,durch das Ministern, Generälen und Hofbeamten verboten wurde, Denk-würdigkeiten zu hinterlassen, und das Verlegern untersagte, solche Er-innerungen zu publizieren. In diesem Punkte begegnete sich Wilhelm II. mit Ludwig XIV. , den nichts mehr ergrimmte als der Gedanke, daß er,der Sonnenkönig, nach seinem Tode anders gesehen werden könnte als imGlanz seiner Macht und Unfehlbarkeit. Ich hatte mich über diese Materieschon acht Jahre früher, anläßlich des Erscheinens der „Gedanken undErinnerungen" des Fürsten Bismarck , mit Seiner Majestät gestritten. Icherinnerte, 1898 wie 1906, daran, wie aller Argwohn und alle Strenge vonLudwig XIV. nicht verhindert hätten, daß lange nach seinem Tode dieMemoiren des Duc de Saint-Simon erschienen, in denen dieser großeSchriftsteller das Bild des eitlen und allzu selbstsüchtigen Monarchen mitunvergänglichen Strichen für die Nachwelt fixierte. Ich zitierte auch dasschöne Wort von Chateaubriand, der in seiner pathetischen Weise ausruft:„Während die Cäsaren der römischen Dekadenz ihr Unwesen treiben,wächst schon im verborgenen der junge Cornelius Tacitus heran, der ihrwahres Bild der Nachwelt überliefern wird." Das einzige Mittel, sagte ichSeiner Majestät, durch das ein Souverän ein ihm günstiges Urteil derstrengsten der neun Musen, der Clio, erwirken könne, sei, vernünftig zuregieren. Es gelang mir schließlich, die Disziplinaruntersuchung gegen denPrinzen Alexander zu verhindern. Er verlor aber seinen Posten. Er gestandmir bei seinem Besuch in Homburg , daß er die Denkwürdigkeiten seinesVaters vor ihrer Publikation überhaupt nicht gelesen hatte. Der Statthaltervon Elsaß-Lothringen, Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg,dem der ganze Vorfall sehr peinlich gewesen war, schon im Hinblick auf dasVerhältnis seines erlauchten Hauses zu Seiner Majestät dem Kaiser, schriebmir, er sei mir „zu hohem Dank" verpflichtet, daß ich ihn der traurigenAufgabe überhoben hätte, eine förmüche Disziplinaruntersuchung gegenseinen Neffen eröffnen zu müssen, dessen Verhalten er als eine „unverzeih-