MONTS IM REGEN
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weihung, die in Gegenwart des Königs von Itaben erfolgen sollte, das ganzeDiplomatische Korps eingeladen war. Gerade als die Feier beginnen sollte,setzte ein kleiner Regenschauer ein. Das Diplomatische Korps war, der insolchen Fällen übbchen Etikette entsprechend, in Uniform erschienen.Nun war Monts einerseits ein großer Hypochonder, dem immer für seineGesundheit bange war, andererseits aber berühmt geizig. Er fürchtete,bei dem Regen sich einen Schnupfen zu holen, er zitterte für seine Uniform.Er geriet allmähbch in solche Erregung, daß er auf dem durch den Regenetwas mitgenommenen Festplatz mit lauter Stimme rief: ,,Regardez-moicelte salete!" Neben ihm ging sein französischer Kollege Barr er e. Ich habeschon bei einer anderen Gelegenheit erzählt, daß der viel gewandtere undzielbewußtere Barrere mit Monts spielte wie die Katze mit der Maus.Sobald er die Aufregung von Monts bemerkte, ging er mit freundlichsterMiene auf ihn los, um ihn noch mehr aufzustacheln: „Cette pluie estvraiment desagreable, nous allons tous attraper un gros rhume, vous avezl'air bien päle. Et puis nos uniformes seront abimes. Et ces uniformeschamarres d'or coütent tres eher!" Monts, der nun völlig den Kopf verlor,ging auf den Minister des Äußern, den Grafen Guicciardini , los und schrieihm mit lauter Stimme zu: „II n'y a ici que les diplomates et les domesti-ques qui soient en uniforme. Je vous fais lä une Observation tres serieuse."Schließlich machte er dem Bürgermeister von Mailand, dem Grafen Ponti,eine solche Szene, daß der ihm erwiderte: „Wenn Sie als Graf Monts zu mirsprächen, würde ich gezwungen sein, als Graf Ponti Sie fordern zu lassen.Da Sie aber deutscher Botschafter sind, werde ich mich bei meiner Regie-rung beschweren." Beide, Ponti sowohl wie Guicciardini , galten, und mitRecht, für deutschfreundlich. Während Monts in dieser Weise auf demFest platz herumtobte, äußerte Barrere lächelnd zu den ihn umringendenItaÜenern: „Comme les Allemands sont violents! Comme ils sont maleleves! Comme ils aiment a provoquer des rixes! On a bien raison de parierde querelies d'Allemand." Bekanntlich nennt der Franzose „une querelled'Allemand" einen vom Zaun gebrochenen Streit. Als sich Monts am näch-sten Tage von seinem Koller erholt hatte, fühlte er doch, daß diesmal seineForm- und Taktlosigkeit das Maß des Erlaubten überschritten habe. Ersuchte einen kurzen Urlaub nach und bat mich schriftüch um Empfang undUnterredung. Als ich ihn kurz vor meiner Abreise aus Berlin vorließ,erklärte er mir, er wisse wohl, daß sein Verhalten nicht zu rechtfertigenwäre. „Ich habe mich unglaublich benommen", sagte er mir wörtlich. Seineeinzige Entschuldigung sei die durch seine Kränklichkeit hervorgerufenetotale Zerrüttung seiner Nerven. Er bäte mich, einen längeren Urlaub fürihn zu beantragen, damit er sich in einem Sanatorium gründlich auskurierenkönne.