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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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POD STOPFT AN SEINER MATRATZE

habe sich aber mit der Bemerkung begnügt, daß Podbielski vielleichtan seiner Matratze stopfe", im übrigen aber ungewöhnlich brauchbarsei. Eulenburg fügte hinzu:Ich nehme an, daß es keine unmöglichenWünsche Seiner Majestät gibt, die Podbielski jetzt nicht erfüllen würde,und es tut mir leid, annehmen zu müssen, daß Seine Majestät eine sowindelweich gewordene Persönlichkeit nicht ungern als Minister sieht,besonders in dem Ressort des dicken Podbielski, dem die Forsten, Wälderund Jagden unterstellt sind. Podbielski ging hier lahm an Gicht herumund sagte mir, daß ihn die Preßkampagne gegen ihn doch arg mitgenommenhabe." In der Tat trat der wackere Podbielski, der sich nicht nur imFrieden in allen von ihm bekleideten Stellungen, sondern auch vorherauf dem Schlachtfelde ausgezeichnet hatte, im November 1906 freiwilligzurück.

Ich kann mich eines ironischen Lächelns kaum erwehren, wenn ich an dasAufsehen und um ein vor der Revolution sehr beliebtes, seitdem, wo vielmehr Anlaß dazu vorläge, weit weniger gebrauchtes Wort anzuwendenan dieEntrüstung" denke, die damals in der ganzen oppositionellen Presseüber dieAffäre" Podbielski herrschte. Zunächst handelte es sich tatsäch-lich mehr um Gerede und Gerüchte als um bewiesene Anschuldigungen.Vor allem verhielt sich alles, was man Podbielski vorwarf, zu den Verfeh-lungen, deren viele Jahre später Matthias Erzberger überführt wurde,wie der Brocken zum Chimborasso. Und trotzdem wurde Erzberger nachdem für ihn niederschmetternden Ausgang seines Prozesses gegen Helfferichund nach einem Urteilsspruch, durch den ihm gewohnheitsmäßige Unwahr-haftigkeit und unanständige Vermischung öffentlicher Interessen mitprivaten Geschäften bescheinigt wurde, von dem Reichstagspräsidentenwie von dem damaligen Reichskanzler, zwei Sozialisten, nicht nur ent-schuldigt, nicht nur verteidigt, sondern öffentlich und laut gepriesen. Injenen Tagen des Erzberger-Helfferich-Prozesses frug ich den mir befreun-deten Redakteur eines demokratischen Blattes:Wenn ich, als einst Pod-bielski wegen angeblicher kleiner Verfehlungen in seinen Beziehungen zurFirma Tippeiskirch angegriffen wurde, ihn im Reichstag von der Minister-bank aus glorifiziert hätte, was würden Sie dazu in Ihrem geschätzten Blattgesagt haben?" Er erwiderte mir lächelnd:Ich würde wohl geschriebenhaben, daß seit den Zeiten des Niedergangs des römischen Reichs so etwasvon schamlosem Zynismus und völligem Mangel an ethischem Empfindennicht dagewesen wäre." Andere Zeiten, andere Sitten!

Als ich gerade im Begriff war, von Berlin mich zu meiner völligenGraf Monis Wiederherstellung nach Norderney zu begeben, heß sich unser Botschaftermeldet sich j n R onl; Graf Monts, bei mir melden. Ihm war ein arges Mißgeschick wider-fahren. In Mailand hatte eine Ausstellung stattgefunden, zu deren Ein-