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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE LUFT VOLL VON KRIEGS GERÜCHTEN

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Gesundheit

lohe war nichts weniger als deutschfreundlich und galt den Russen inSt. Petersburg eher als unser Gegner. Er hat später während des Welt-kriegs als österreichischer Botschafter in Berlin mit rücksichtslosem Egois-mus die österreichischen Interessen auf Kosten der deutschen gefördert.General von Woyrsch war einer unserer besten Offiziere, der sich währenddes Weltkriegs als Schützer Schlesiens mit Ruhm bedeckt hat. Wilhelm II. hatte ungehörige Scherze wie das Springen über einen hingehaltenen Stockin England gelernt, wo derartigepractical jokes" sehr behebt sind, auchbei einem Football-Match oder an Bord einer Jacht nicht übelgenommenwerden. Nach Deutschland paßte das nicht, und es gehörte sich namentlichnicht gegenüber einem älteren preußischen General.

Ich sah in diesem Jahr der Wiedereröffnung des Reichstags wenn nichtmit Ungeduld so doch gern entgegen. Während des Herbstes war die Luft Philippvoll von Kriegsgerüchten. Es mögen auch allerhand Intrigen gespielt haben. EulenburgPhilipp Eulenburg schrieb mir aus Rominten:Ich muß zu Deiner Orien- *tierung noch von der Haltung sprechen, die S. M. einnahm, wenn von Dirdie Rede war. Der Kaiser hatte Dich in Wilhelmshöhe vollkommen frisch,wie früher, gefunden, in Berlin angegriffen. In Gegenwart von AugustEulenburg hatte er über die Angelegenheit der afrikanischen Bahn sehrheftig getobt. Mir gegenüber sprach er sich nur in sehr gemäßigtem Tonaus, gewissermaßen vorsichtig. Es klang durch, als schöbe er einen ge-wissen Mangel an Energie auf die Krankheit, von der Du noch nicht voll-kommen genesen seist. Ich habe den Eindruck, daß er auf der Note Ener-gie' herumreitet. Sicher ist, daß er absolut niemand weiß, den er an DeineStelle setzen könnte. Ich fühle das heraus aus der Art, wie er trotz gelegent-lichen Argers über Dich spricht. Das ist immerhin nützlich und führt ihnnicht auf Abwege. Unleugbar ist ihm der Gedanke, Du könntest tatsäch-lich zu leidend sein, um die Geschäfte weiterzuführen, höchst störend,unbequem und fatal. Als ich vor einigen Tagen zufällig mit der Kaiserinauf Deine Gesundheit zu sprechen kam (S. M. saß daneben und las) undsagte: ,Nun, gottlob ist ja jetzt alles in Ordnung. Es wäre ja schrecklichgewesen, wenn Bülow hätte zurücktreten müssen', bbckte S. M. plötzlichvon seinem Zeitungsblatt auf und sagte: , Ja, wahrhaftig, das hätte nochgefehlt.' Diese spontane Bemerkung ist sehr bezeichnend. Bezeichnend aberauch für seinen Charakter, daß er jede Handlung, welche nicht seinemWillen entspricht, als Energielosigkeit bezeichnet und nun an DeineKrankheit knüpft. Ich gebe Dir ein möglichst präzises Bild. Wer würdeDir das sonst wohl geben ? Mein gehebter, guter Bernhard!" Dagegen Heßmir unser Botschafter in Wien , der spätere Fürst, damals Graf Karl Wedel,ein rechtschaffner Mann und mein treuer Freund, durch meinen BruderKarl Ulrich, Flügeladjutant Seiner Majestät, in jener Zeit Militärattache